Am Anfang der Bundeswehr stand eine große Unehrlichkeit“, sagte General a. D. Trettner, als er die Gründe für seinen Rücktritt als Generalinspekteur darlegte. Er hatte dabei das Innenverhältnis zwischen Beamten und Soldaten im Auge, aber man kann dieses Wort getrost als Motto über die Geschichte der Bundeswehr setzen.

Es begann schon damit, daß der NATO zugesagt wurde, innerhalb von drei Jahren 500 000 Soldaten auf die Beine zu stellen. Das war organisatorisch gar nicht zu schaffen, geschweige denn vor dem politischen Hintergrund der damaligen Zeit. Der erste Verteidigungsminister stolperte dann auch über das Bein, das ihm der zweite stellte. Der allerdings hat, bis er aus dem Tritt geriet, sein Ziel, die 500 000 Soldaten in fünf Jahren stehen zu haben, auch nicht erreicht. Und der dritte machte dann einen großen Schritt auf die Ehrlichkeit zu, indem er die Phase der Konsolidierung verkündete. Nur fehlte ihm der Mut oder die Übersicht oder die richtigen Berater, das als notwendig Erkannte auch durchzuführen. Er schleppte das Fehl an Offizieren und Unteroffizieren weiter mit, versuchte mit Mittelchen an Symptomen zu kurieren und wies den Antrag der FDP, den Umfang der Bundeswehr der vorhandenen Zahl an Offizieren und Unteroffizieren vorübergehend anzupassen, als mit dem NATO-Auftrag unvereinbar zurück.

Das gleiche Schicksal erlitten unsere Vorschläge, die konventionelle Komponente zu verstärken, die atomaren Trägerwaffen auf dem erreichten Stund einzufrieren, das Schwergewicht in der Planung auf die territoriale Heimatverteidigung zu legen und schließlich Wehrforschung und Wiffenentwicklung im konventionellen Bereich zu fördern. Ein Teilerfolg war der Forderung beschieden, die Spitze der Landesverteidigung so zu gliedern, daß sie in jeder politischen Lage ohne wesentliche Veränderung aktionsfähig sei: ein Organisationsgesetz wurde vorgelegt, aber dann wegen des Endes der Legislaturperiode nicht mehr verabschiedet.

Der vierte Verteidigungsminister sieht sich heute vor den gleichen Problemen wie sein Vorgänger, allerdings mit der besonderen Nuance, daß der Kollege, dessen unseliges Erbe er heute zu verwalten hat, ihm als Finanzminister gegenüber sitzt und mit hohlem Pathos („nur über meine Leiche ein höherer Wehretat“) oder mit delphischen Orakelsprüchen über Einsparungsmöglichkeiten redet, um unbekümmert um die Sache dem politischen Rivalen den Garaus zu machen.

Was wäre zu tun? Man müßte sich auf einen militärischen Auftrag für die Bundeswehr einigen können, man müßte unter Beachtung der Beschlüsse der NATO-Verteidigungsminister vom 9. Mai 1967 die richtige Gliederung, Bewaffnung, Ausrüstung und Stärke der Bundeswehr für die „flexible response“ finden.

  • Das hieße Abschied nehmen von Irrtümern, die Strauß wie Schröder und mit ihnen einem Heer von Militärtheoretikern in unserm Lande eigen sind, nämlich daß Mitwirkung im nuklearen Feld Besitz zumindest atomarer Trägerwaffen voraussetze und daß Sicherheit nur von der Zahl vorhandener Soldaten und deren ständiger Präsenz abhänge.
  • Das hieße mit den Alliierten über einen deutschen Verteidigungsbeitrag sprechen, der von der Arbeitsteilung im Bündnis ausgeht, was die nukleare und konventionelle Komponente angeht, und der bewußt das Moment der „Spannungszeit“ in die militärische Planung einbezieht.
  • Das hieße die Wehrgesetzgebung und das Verordnungswesen der letzten elf Jahre zu überprüfen und die neugeflochtenen Zöpfe abzuwerfen, die das Instrument der Verteidigung schwerfällig und unhandlich machen. Die viel beschworene Spezialisierung der Armee läßt zum Beispiel den Offizier und den Unteroffizier, der alles kann, als Anachronismus erscheinen. Die extensive Auslegung des Artikels 87 b des Grundgesetzes (Bundeswehrverwaltung) kostet Geld und bringt Reibungsverluste. Das Mitzeichnungswesen als Ausdruck demokratischer Kontrolle tötet Verantwortungsfreude und selbständiges mitdenkendes Handeln.
  • Der militärische und zivile Sektor der Landesverteidigung ist zu koordinieren; aus vielen mißlungenen Versuchen (Krone-Ministerium) müßte sich doch das richtige Schema endlich entwickeln lassen.
  • Die anonyme Führung der Bundeswehr durch Referenten, Abteilungsleiter und Hauptabteilungsleiter ist durch personelle Führung mit klarem Unterstellungsverhältnis und durchgängigem Befehlsstrang zu ersetzen; in diesem Zusammenhang ist die Aufgabe von Planung und Weisung von der Aufgabe, das Erdachte auszuführen, klar zu trennen. Entscheidung über die Verwendung und Förderung des militärischen Personals gehört in die Hand der Soldaten, ihre Spitzenrepräsentanten sind der politischen Führung der Bundeswehr für die richtige Entscheidung verantwortlich.

Im übrigen müßte man, was die militärische Außenpolitik und das Verteidigungskonzept für die Zukunft angeht, die Bücher von General Maxwell Taylor, F. O. Miksche, Lidell Hart und den Helmut Schmidt von „vor sieben Jahren“ lesen. Man müßte sich von dem Irrglauben lösen, daß konventionelle Stärke durch atomares Feuer aufgewogen werden kann und daß jeder militärische Konflikt in Europa innerhalb von Stunden in die atomare Eskalation zu münden hat. Man müßte sich eingestehen, daß ein Krieg nur dann verhindert werden kann, wenn die zur „Abschreckung“ aufgehäuften Waffen auch zur Verteidigung eingesetzt werden können – und wenn sie das, was verteidigt werden soll, noch übrig lassen.