Der Wissenschaftsrat hat seine Empfehlungen zum Ausbau der wissenschaftlichen Hochschulen bis 1970“ vorgelegt. Unbefangener als der Text dieser Empfehlungen verdeutlichen die ihnen beigefügten Statistiken, Tabellen und Kurven, daß in der höheren Bildung traditioneller Art ein Offenbarungseid fällig ist, wenn sie nicht in nächster Zukunft der Realität angepaßt wird. Die Ausbildungskapazität der Hochschulen reicht nicht mehr aus: Sie wird auch nach dem jetzt empfohlenen Ausbau niedriger sein, als es die Zahl der Studienwilligen erforderte.

Die Gesamtzahl der Studenten hat sich von 1955 bis 1966 von 120 496 um 99,8 Prozent erhöht – auf 240 768. Als der Wissenschaftsrat 1960 seinen ersten Gesamtplan vorlegte, hatte er den Ausbau der Hochschulen für 240 000 Studenten empfohlen; im Wintersemester 1966/67 betrug die Gesamtzahl der Studenten aber schon 262 630. Die verstärkte Bildungswerbung trug Früchte: Die Zahl der Abiturienten, die sich in den Jahren 1967 bis 1970 zum Studium anmelden werden, wird um rund 25 Prozent größer sein als 1962. Für die nächsten drei Jahre wird mit 59 800 Studienanfängern pro Jahr gerechnet; aber schon im vergangenen Jahr waren für 256 000 Studienbewerber nur 199 000 Ausbildungsplätze vorhanden.

Dennoch hält der Wissenschaftsrat eine Expansion der Hochschule allein auf Grund steigender Nachfrage nicht mehr für vertretbar. Von 1800 Lehrstühlen, die die Hochschulen anforderten, hat er nur 142 befürwortet. Begründung: Gerade in den geisteswissenschaftlichen Disziplinen, in denen sich die Studentenzahl seit 1955, zum Teil verdreifacht habe, sei der Nachwuchsmangel so katastrophal, daß eine nennenswerte Vermehrung der Lehrstühle sich verbiete. Besorgniserregend sind Überfüllung und fehlende Personalreserven auch in den wirtschaftswissenschaftlichen Fächern.

Der Engpaß ist groß, die Grenzen des „materiellen“ Hochschulausbaus werden erkennbar. „Entscheidungen über den künftigen Ausbau“, so heißt es, „werden daher die Nachfrage nach Studienplätzen und die Bedarfslage so weit wie möglich berücksichtigen, letzten Endes aber nach Mißgabe dessen zu treffen sein, was mit Rücksicht auf die wissenschaftliche Leistungsfähigkeit möglich und notwendig ist.“ Das heißt: Der Numerus clausus wird in manchen Fällen nicht zu vermeiden sein.

Für die Kultusminister muß dies ein Alarmsignal sein. Schließlich betreffen die Studienbeschränkungen schon heute vor allem jene Bewerber, denen eben mit viel Aufwand klargemacht worden ist, daß nur Abitur und Studium sie fürs Leben rüsten. Will man sie jetzt hängen lassen?

„Volksschule, höhere Schule, Humboldt-Universität – das reicht nicht mehr“, sagte der Vorsitzende des Wissenschaftsrates, Professor Hans Leussink. Der Hinweis auf den Numerus clausus, so hofft er, soll die Kultusministerien zum Umdenken bewegen. Es ist höchste Zeit nicht nur für eine Vergrößerung, sondern daneben auch für eine Differenzierung des Bildungsangebotes.

Nina Grünenberg