Von Joachim Ernst Behrendt

Er sei „der totalste Improvisator der Jazzgeschichte“, schrieb der amerikanische Kritiker Don Heckman, und der Franzose André Hodeir vermerkte, für den Jazz sei jede neue Coltrane-Platte etwa das gleiche, was die Premiere eines neuen Werkes von Boulez oder Stockhausen in der Konzertmusik sei: Kaum ein anderer Musiker stand so sehr im Mittelpunkt des Jazzgeschehens der letzten Jahre wie John Coltrane.

Als Tenorsaxophonist lebte er in einer Welt aus tönenden Spiegeln. Zu sagen, ein Saxophonist „klinge wie Coltrane“, war ein Gemeinplatz. Sie klangen alle wie er. Interessant war erst, die Kleinigkeiten aufzuzeigen, in denen sich dieser oder jener Saxophonist am Bilde Coltranes maß oder-sich von ihm unterschied. Nun tönen die Spiegel weiter, indes das Urbild verstummt ist.

Coltrane, 1926 in North Carolina als Sohn eines kleinen Flickschneiders geboren, wurde geprägt durch die Blues-Tradition der amerikanischen Südstaaten. Von Anfang an hat er in Bluesbands gespielt, Bluessänger und -Sängerinnen begleitet – bis der Trompeter Miles Davis ihn 1955 in sein Quintett holte. Schlagartig, durch ein einziges Solo über „Round about Midnight“ (CBS–62 323), wurde er berühmt.

Zusammen mit Miles Davis entwickelte John Coltrane das „modale Improvisieren“, bei dem die Variation nicht mehr, wie in der bisherigen Jazzgeschichte, über den ständig wechselnden Akkorden eines Themas abläuft, sondern, wie in „Milestones“, (CBS–62 308), über einer „Skala“, die in gleichbleibender Weise dem gesamten melodischen Geschehen unterliegt. Es war ein erster Schritt in die Freiheit. Und Freiheit hieß: fort von der „europäischen“, der „weißen“ Harmonik.

Unbewußt zunächst – aber ein paar Jahre später, als der zornige Schriftsteller und Dichter Leroi Jones zum Wortführer des Neuen Jazz wurde, auch bewußt – wurde die konventionelle Harmonik zum Prügelknaben. Auf die harmonische Befreiung vom „Weißen Erbe“ wurde die rassische, soziale und politische „freedom“ projiziert.

Vorher, in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre, hatte John Coltrane seine „Sheets of sounds“ entwickelt, die den Eindruck metallener, gläserner, splitternder, aneinanderschlagender Klangflächen vermitteln. Am besten beschrieb es Leroi Jones: „Die Noten jagten einander so schnell und mit so viel Ober- und Untertönen, daß sie die Wirkung eines Pianisten hatten, der schnell viele verschiedene Akkorde anschlägt, aber es dabei doch fertigbringt, bestimmte Einzelnoten und ihre vibrierenden Untertöne zu artikulieren...“ („Soultrane“, Saba-Prestige 7142 ST).