Das Dilemma der Dörfer

Von Marianne Langewiesche

Über die Zukunft meines Landes spricht eine Stimme, die ihre Klangfarbe nicht von meinem Land verliehen bekam. Doch nichts mehr wird morgen in Bayern bayerisch sein, warum also sollte es die Stimme sein, die von morgen spricht?

Morgen – jahrhundertelang bedeutete dieses Wort für uns das gleiche wie das Wort gestern, wie das Wort heute. Jahrhundertelang lebten wir wie unsere Väter und wie unsere Söhne. Der Küster zog die Uhren auf. Er tat es wohl für die Uhren, denn unser Leben wurde nicht von der Zeit bestimmt, sondern vom Raum. Bayern war Bauernland, und wir waren konservativ, waren stolz darauf, wollten es bleiben, wollten anders sein als die anderen und betonten den Unterschied.

Das wenige an Industrie, das um den Ersten Weltkrieg bei uns gegründet wurde, lagerte um ein paar Städte. Das Bild des Landes und der Landschaft wurden von ihr nicht berührt, unser Lebensstandard, unsere Mentalität, unsere Sprache nicht von ihr beeinflußt. Die Industrie blieb. Fremdkörper, und der Industriearbeiter weckte unser Mißtrauen, weil er keinen Grund und Boden besaß. Hängten wir nicht, wie bei den Zigeunern und Komödianten, die Wäsche von der Leine, kam wirklich einmal einer vorbei?

Morgen aber wird das Bild unseres Landes, unserer Landschaft, unserer Städte und Dörfer von der Industrie geprägt, unsere Mentalität und unser Lebensstandard von der Industrie diktiert, unsere Sprache von der Industrie geformt sein. Morgen werden wir unseren Stolz darein setzen, nicht konservativ zu sein und nicht anders als die anderen.

Nicht ein Jahr liegt zwischen gestern und morgen, sondern eine Jahreszahl. Sie war es, die uns zwang, mit unserer Tradition zu brechen, und zwar so vollkommen, wie ich noch nie den Bruch mit einer Tradition gesehen habe.