Von Kurt Simon

Edmund Rehwinkel konnte es auf dem Bauerntag in München nicht lassen, sich mit der Bundesregierung anzulegen. Folgt man seinen Worten, dann sind unsere Bauern von der heutigen und früheren Regierungen in die gegenwärtige schwierige Situation hineinmanövriert worden. Er ließ es auch an anderen unsachlichen Angriffen nicht fehlen; Etwas schwer kam ihm allerdings das Wort von der „Unverfrorenheit sondergleichen“ über die Lippen, mit der die Regierung bei ihrer Finanzplanung den Agraretat gekürzt habe.

Es konnte ob solcher Verunglimpfungen nicht wundernehmen, daß einige der fünftausend Bauern die Grußbotschaft Bundeskanzler Kiesingers und den anwesenden Bundesernährungsminister Höcherl mit Pfuirufen und anderen Demonstrationen des Unmuts empfingen. Höcherls Ansehen hat es gewiß nicht geschadet – auch nicht bei den Bauern –, als er dennoch ungerührt erklärte, daß er mit Rehwinkel nicht in allen Punkten einig sei und höhere Subventionen vorerst auf keinen Fall gegeben werden könnten.

Nun ist es nichts Neues, daß bei Demonstrationen von Interessenverbänden gewöhnlich starke Worte fallen. Was Rehwinkel von anderen Verbandsführern indes unterscheidet, ist vor allem der Eifer, mit dem er bei solchen Anlässen seine Anhänger in Opposition zum Staat bringt. Was den vordergründigen Erfolg angeht, so war er dem Bauernverbandspräsidenten wieder einmal sicher. Viele der fünftausend Bauern hatten, um im bayerischen Jargon zu sprechen, ihre „Gaudi“ und sind mit dem Glauben auf ihre Höfe zurückgekehrt, daß es Rehwinkel denen da in Bonn und Brüssel wieder einmal tüchtig gesagt habe. So etwas ist schließlich für den Verband wichtig.

Gegenüber der März-Kundgebung in der Dortmunder Westfalenhalle war Rehwinkels Sprachton allerdings gedämpfter. Die wirtschaftliche Entwicklung ist weitergegangen. Seit dem 1. Juli ist bei einigen Agrarerzeugnissen der Gemeinsame Markt voll verwirklicht, auch was die gemeinsamen Preise betrifft. Der Zwang der wirtschaftlichen Entwicklung ist eben doch stärker als alle politischen Winkelzüge des Interessenverbandes der Bauern. Er kann die revolutionäre Entwicklung in den landwirtschaftlichen Betrieben auch auf Kundgebungen nicht völlig übersehen, wenn er von den Bauern selbst weiter ernst genommen werden will.

Dank des technischen Fortschritts wird heute auf dem Lande gegenüber der Zeit vor dem Kriege nur noch ein Bruchteil der Arbeitskräfte benötigt, um die gleiche Menge an Lebensmitteln zu erzeugen. Wer sich diese Tatsache und was dahintersteht vor Augen hält, wird unschwer den Weg erkennen, der unserer Landwirtschaft vorgeschrieben ist und an dem auch politische Demonstrationen nichts ändern können.

Bayerns Bauernverbandspräsident von Feury erläuterte in München selbst, welches Ausmaß dieser Wandel bereits angenommen hat. Im Jahre 1949 war Bayern noch ein Bauernland; 28 Prozent der Bevölkerung arbeiteten in der Landwirtschaft. Heute sind es knapp zwölf Prozent. Die Erwerbsbasis, so sagte von Feury, ist in verhältnismäßig kurzer Zeit auf die gewerbliche Wirtschaft verlagert worden. In den anderen Bundesländern ist die Entwicklung ähnlich verlaufen. Nur wer den Bauern bewußt die Unwahrheit sagen will, kann behaupten, daß dieser Prozeß inzwischen abgeschlossen sei. Er geht weiter, unvermeidlich, noch auf Jahre hinaus. Die Unruhe, die davon zwangsläufig auf dem Lande ausgeht, ist also noch nicht zu Ende.