Von Wolfram Siebeck

Wer das Glück gehabt hat, jemals über die LSD-Anspielungen und die versteckten Rauschgift-Hymnen englischer und amerikanischer Beat-Gruppen zu lesen, wer die Doppelbedeutung gewisser Texte der Beatles bewundernd erkennt, der sollte über seiner Begeisterung für das Zeitgemäße in angelsächsischen Liedertexten nicht vergessen, daß es ein Deutscher war, der schon vor hundert Jahren ganz eindeutig in seinen Opern das Lob der Drogen singen ließ: Richard Wagner.

Das wird besonders deutlich bei "Tristan und Isolde". Isolde, in deren Namen die Buchstaben LSD die einzigen Konsonanten bilden (!), bereitet gleich im ersten Akt eine Portion Lysergsäurediäthylamid zu ("Der Trank ist’s, der mir taugt!"), deren Wirkung bei Tenor und Sopran dann während des ganzen Werkes anhält. Daß sie das LSD, wie auch heute noch üblich, mit Zucker herrichtet, verrät Tristan im 5. Auftritt des 1. Aktes mit einem beziehungsvollen "Süßeste Maid!"

Einen weiteren Hinweis gibt er wenige Takte später: "Jach in der Brust / jauchzende Lust!" Jach, von Wagner auch bei Siegfried, dem Urtyp des Drogen-Fans, gebraucht ("Was jagt mir so jach / durch Herz und Sinne?"), ist eines der vielen Synonyme für LSD; gelegentlich wird es auch auf andere Rauschgifte angewandt.

In "Siegfried", wo der Titelheld sich als stark berauscht zu erkennen gibt ("Ist mir doch fast, / als sprachen die Vöglein zu. mir!"), finden wir im 2. Akt ein anderes Beispiel von Doppelbedeutung: "Linde Kühlung / erkies’ ich unter der Linde." Erkiesen, gleich koksen oder Kokain schnupfen, ist ebenso aufschlußreich wie das Wort Kühlung, das der Dröhnung entspricht, womit Süchtige eine Spritze oder Dosis meinen.

Doch nicht nur die Wonnen (allein neunmal "wonnig" und "Wonne" im letzten Auftritt), auch die Leiden der Süchtigen beschreibt Wagner. So im 2. Akt, 2. Szene, wo sich Siegfried voller Gier "hastig eine Pfeife" schnitzt, die er auch "Horn" und "Rohr" nennt – was übrigens typischer Hipster-Jargon ist, mit seiner Vorliebe für Decknamen (tea, pot, junk). "Mir schwankt und schwindelt der Sinn! / Wen ruf’ ich zum Heil, / daß er mir helfe?" (3. Akt, 3. Szene), ist der gequälte Aufschrei des Süchtigen nach dem Rauschgifthändler.

Und Beckmesser, in "Die Meistersinger", ist dem Haschisch verfallen: "All seine Vers’ und Reim: / ließ ich ihm gern daheim, / Historien, Spiel’ und Schwanke dazu, / brächt’ er mir morgen die neuen Schuh’!" jammert er in Nürnberg, und einen Tag wird es damals wohl gedauert haben ("morgen"), bis aus München neues Haschisch ("Schuh") herbeigeschafft werden konnte. Da er es endlich hat, läßt er alle Hemmungen fallen und nennt die Droge beim Namen: "Bleich wie ein Kraut / umfasert mir Hanf meinen Leib."

Diese wenigen Beispiele, beliebig zu vermehren, sollten genügen, um uns klarzumachen, daß Richard Wagner künftig nicht übergangen werden kann, wenn von den Beatles die Rede ist.