Kein Kaviar für Kreuzfahrer – Die Mädchen von Jalta

Von Eka von Merveldt

Cook, das Reisebüro an Bord der „Nieuw Amsterdam“, hatte eine kleine List ersonnen, doch die Russen waren auch schlau. Es hieß, es dürften in Jalta nur Passagiere an Land, die einen Ausflug gebucht hatten. So wurde auch die Omnibusfahrt von der Anlegestelle der Leichter zur Hauptpromenade als Exkursion deklariert, und die Russen kassierten dafür sechs Mark, für eine Strecke, die sehr viele Gäste auf dem Rückweg in zehn Minuten im Bummelschritt zurücklegten.

Ein großer Teil der Passagiere blieb in Jalta an Bord, darunter Berliner, aus politischen Gründen und wegen der Geldschneiderei, wie sie angaben. Für einen Dollar gab es bei den russischen Geldwechslern, die an Bord gekommen waren, nicht einmal einen ganzen Rubel. Als das Schiff wieder in See stach, nach nur fünf Stunden Aufenthalt an der von der Natur und der Politik bevorzugten Krimküste mit den in üppiges Grün gebetteten Orten Jalta, Livadia und Alupka, hatte das Tempo der Eindrücke ein Gewirr von flüchtigen Bildern hinterlassen: Adelspaläste, die jetzt Sanatorien und Museen sind, und neue Sanatorien, im ganzen mindestens fünfzig, im gleichen Pseudostil erbaut, Tudor und maurisch mit Säulen, Söllern und Treppen zum Meer.

Überanstrengte Helden der Arbeit, die sich erholen, wandeln auf der Uferpromenade. Nicht mehr in Schlafanzügen, vielmehr trägt der ganze Ort einheitlich billige Sonnenhüte mit ausgefranstem Rand, offenbar eine Großlieferung. Im Zarenschloß von Livadia spähten die Besucher durch die Fenster in den Raum, in dem die Teilung Deutschlands beschlossen wurde. Die Deutschen verstummten. Die Intourist-Führerin, eine große schöne Blondine, Sommersprossen und hektisch rote Flecken an den Armen, blieb neutral. Nur einmal machte sie vor den Amerikanern eine Verneigung in einer Allee: „Sie heißt nach unserem amerikanischen Freund Roosevelt Das Tschechow-Museum suchten nur wenige Enthusiasten. Auch Tolstoi, Tschaikowski, Schaljapin, Rachmaninow, Gorki und Mark Twain haben an der Krimküste Spuren hinterlassen.

Ein Obelisk mit dem eingemeißelten Dekret Lenins „Über die Verwertung der Krim zur ärztlichen Behandlung Werktätiger“. Ein balncologisches Forschungsinstitut. Mittagessen im einst renommierten Hotel „Oreanda“, Geruch nach Drogerie im Speisewagen. Eine laut lärmende Kapelle spielte Wolgalieder. Eine Sängerin trat auf, Kleopatrakopf und donnernde Stimme. Auf den Tellern fanden ausländische Gäste ein Kleckschen Kaviar in einem Teich von Butter, die in der Wärme geschmolzen war.

Die vom Reiseleiter, auf der „Nieuw Amsterdam“ Kreuzfahrt-Direktor genannt, in einem illustrierten Vortrag über Jalta am Tage zuvor geäußerte Verheißung, daß es Geschäfte gäbe, in denen man Kaviar kaufen könne, erfüllte sich nicht. Es gibt nichts zu kaufen in den kümmerlichen Läden, was die Touristen aus dem Westen locken könnte, die doch auch auf dieser Reise vom Kaufrausch so gepackt waren, daß die erworbenen Souvenirs auf einer Auktion am Ende der Fahrt mit Begeisterung wieder abgestoßen wurden. Nur Matrjoschkas, die buntlackierten Puppen in der Puppe, gab es überall. Kaviardosen waren allein in den Ausländerhotels gegen Dollar erhältlich. Die ungenutzten Rubel wurden von den russischen Wechslern auf dem Schiff gegen Verlust und unter Schwierigkeiten, weil kein kleines Geld zu finden war, zurückgetauscht.