Vorige Woche wurde die Kontroverse um den Verteidigungshaushalt von zwei Entwicklungen bestimmt: Zwischen Verteidigungsminister Schröder und Finanzminister Strauß entbrannte ein Streit um Zahlen, Bundeskanzler Kiesinger und Schröder gerieten wegen Formalitäten aneinander.

Schröder und Strauß stritten um die effektive Höhe des Wehretats in den kommenden Jahren. Schröder berief sich auf die Sparbeschlüsse des Kabinetts vom 7. Juni, die der Bundeswehr für die nächsten vier Jahre 77,3 Milliarden Mark zuweisen – 18,17 Milliarden für 1968; 18,86 für 1969; 19,70 für 1970 und 20,30 für 1971.

Strauß dagegen präsentierte sogenannte „bereinigte Zahlen“, in die er künftige Besoldungserhöhungen, vorzeitige Schuldentilgungen und bereits geleistete Devisenzahlungen an die USA und Großbritannien einbezogen hatte: 18,7 Milliarden für 1968; 20,1 für 1969; 21,3 für 1970 und 22,0 für 1971. Strauß errechnete eine jährliche Zuwachsrate von 5 Prozent. Danach sah der Saldo des Verteidigungsetats mit 82,1 Milliarden Mark um 5 Milliarden Mark günstiger aus.

Nach drei Gesprächen gelang es Bundeskanzler Kiesinger, Schröder auf die optisch günstigeren Zahlen von Strauß einzuschwören, die Anfang dieser Woche amtlich als „absolute Verfügungssummen“ publiziert wurden.

Neben diesem Streit um Zahlen war eine Kontroverse zwischen Kiesinger und Schröder entbrannt. Nach Schröders Kassandraruf, die Bundeswehr müsse wegen der Finanzbeschlüsse des Kabinetts um 60 000 auf 400 000 Mann zurückgestutzt werden, hatte der Kanzler zunächst die pensionierten Generale Heusinger und Speidel und die NATO-Generale von Baudissin und von Kielmannsegg um eine Beurteilung der Lage gebeten, dann aber auch den Inspekteur des Heeres, General Moll, zum Rapport bestellt – das alles, ohne Schröder vorher zu fragen.

Der Minister, Bundeswehrbefehlshaber in Friedenszeiten, fühlte sich übergangen. Als dann auch noch Werner Krüger, Leiter des Planungsstabes im Bundeskanzleramt, ein Gutachten über die künftige Konzeption der Bundeswehr beim ehemaligen Generalinspekteur Trettner anordnete, wurde es Schröder zuviel – um so mehr, als er selber bei Kiesinger keinen Termin bekam.

Am Donnerstag voriger Woche bot er dem Kanzler daher seinen Rücktritt an, worauf Kiesinger einlenkte. Am Freitag verkündete Staatssekretär von Hase einen feierlichen Friedensschluß: Kiesinger verzichtete darauf, leitende Generale ohne Wissen des zuständigen Ministers zu empfangen und dem Bundesverteidigungsrat Vorschläge für eine Heeresreform zu unterbreiten, die nicht aus dem Hause Schröder kommen. Schröder verpflichtete sich, die Höhe der „absoluten Verfügungssummen“ zu akzeptieren.