Von Alex Natan

Bekanntlich sind der menschlichen Einbildungskraft keine Grenzen gesetzt. Wir wissen auch, daß die Grenzen sportlicher Leistungen unbegrenzt sind. Was wir bisher noch nicht ahnten, sind jene ungeahnten Möglichkeiten, die den Sport zur Farce machen können, die Farce jedoch andererseits auch wieder als waghalsigen Sport erscheinen lassen. Wer sich zu jenem Publikum zählt, das seit langer Zeit nicht das Eingreifen eines Schiedsrichters im Fußball begreifen kann, besonders wenn die von ihm begünstigte Mannschaft im Vorteil liegt, ist neulich eines Beseren belehrt worden. Aus Toronto kommt eine Nachricht, die zu einer metaphysischen Betrachtung herausfordert. Der Schiedsrichter in einem Fußballspiel, das von dem neubegründeten amerikanischen Fußballverband organisiert worden ist, zu dem auch die kanadische Stadt Toronto aus Gründen, die jedenfalls nicht geographischer Natur sind, zu rechnen ist, hat ein Geständnis abgelegt, das derartig phantastisch ist, daß man sich wundert, es noch niemals in einem Chaplin-Film erprobt gesehen zu haben.

Er hatte sich nämlich einer Fernsehgesellschaft, die das Spiel übertrug, verpflichtet, diese Begegnung von Zeit zu Zeit zu unterbrechen, sobald ihm ein geheimes Signal, das nur ihm bekannt war, gegeben wurde, um eine Reklamesendung einschieben zu können. Er muß wohl auch vorher eine Art von Burgfrieden mit den Spielern abgemacht haben, damit diese sich nicht wundern sollten, wenn die Unterbrechung, die für eine Verletzung angepfiffen wurde, außergewöhnlich lang erschien. Schließlich empfindet jeder Sportsmann im Eifer eines heißen Gefechts eine Unterbrechung als willkommen. Was das Publikum anging, so sind sie anscheinend eben noch Anfänger in Toronto. In Hamburg oder Manchester wäre dem Schiedsrichter dieses Husarenstückchen nicht vor gefüllten Tribünen gelungen.

Der Schiedsrichter soll immer dann abgepfiffen haben, wenn er ein besonderes Zeichen ticken hörte, das ihm ein elektronischer Miniapparat übermittelte, der an seinem Körper festgeschnallt war. Später erklärte der Schiedsrichter, daß er keine falschen „fouls“ gepfiffen hätte, sondern nur die Verletzungszeit verlängert habe, um die Zeit mit schnellen Reklamesendungen auszufüllen. Eine Untersuchung ist eingeleitet worden.

Die ganze Geschichte hört sich wie ein guter Witz an, selbst wenn sie in Wirklichkeit mehr als nur eine humoristische Einlage vorstellt. Sie mag nämlich einen sehr bezeichnenden Vorfall im Kalten Krieg zwischen den amerikanischen Fußballreichen vorstellen. Jene Begegnung in Toronto fand zwischen Mitgliedern der Nationalen Berufsfußball-Liga statt, die sich darum bemüht, Fußball als eine regelmäßige Unterhaltung im kanadischen Fernsehen heimisch und populär zu machen. Die FIFA, der internationale Fußballverband, mißtraut dieser Organisation von Beginn an und unterhält nur recht gespannte Beziehungen, da sie sich um ein Konkurrenzunternehmen in den Vereinigten Staaten bemüht, in dem nationale Mannschaften aus ihr angeschlossenen Staaten spielen sollen.

Wenn, Pressenachrichten gemäß, die FIFA schon immer der transatlantischen Organisation mißtraut haben soll, was wird sie nun zu dem Zwischenfall von Toronto zu sagen haben? Denn wenn sich ein Fußballspiel einer Reklamesendung wegen unterbrechen läßt, dann wird auch der verantwortliche Studiomanager, der sich dieses Spiel auf dem Bildschirm ansieht, in der Lage sein, den richtigen Moment auszusuchen, um aus Reklamegründen das Spiel unterbrechen zu lassen.

Wenn sich Sport in Zukunft nicht länger mehr ohne die finanzielle Unterstützung von Reklamefirmen im Fernsehen durchführen lassen sollte, dann gehört wirklich nicht viel Einbildungskraft dazu, diese Reklamesendungen einzuschalten, solange natürlich die Reklamefirmen nicht darauf bestehen, daß ihre Ware zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt über den Äther geht. Im Fußball wird der Ball oft genug außerhalb des Spielfeldes befördert, um einige wenige Minuten „eine natürliche Unterbrechung“ herbeizuführen. Sollte der Schiedsrichter wirklich den Balleinwurf um einige Sekunden verzögern, während die Reklame spricht, würde eigentlich keine Seite damit Schaden erleiden. Müßte jedoch der Schiedsrichter aus kontraktlichen Gründen einen Anlaß finden, um eine Unterbrechung im Spiel zu improvisieren, dann kann er eben nicht umhin, einer Seite einen Vorteil zu verschaffen und könnte damit eine gute Torschußchance verderben. Um diese Möglichkeit logisch zu Ende zu denken: Ein voreingenommener Fernseh-Studioleiter, der für eine Reklameinterpolation verantwortlich ist, könnte diese Einschaltung zeitlich so handhaben, um das Spiel entscheidend zu beeinflussen.

Sollten sich jedoch solche Verabredungen wie jene von Toronto durchsetzen, dann wird das Publikum sicher sehr bald den Verabredungen zwischen Fernsehen und Sportverbänden skeptisch gegenüberstehen. Andererseits bestehen jetzt unausgenutzte Möglichkeiten für Satiriker, Karikaturisten und alle anderen Spötter im Tempel von St. Coubertin, sich alle denkbaren Möglichkeiten einer solchen Situation auszumalen. Die Schlußrunde von Wimbledon könnte unterbrochen werden, um ein desodorierendes Mittel anzupreisen, und eine Sitzung des Internationalen Olympischen Komitees ... nein, diese Möglichkeiten sind gar nicht auszudenken, wenn auch in Gedanken möglich!