Von Paul Laven

Dr. Paul Laven wurde in diesem Jahr vom Verband Deutsche Sportpresse mit dem ersten Preis für Sporterzählungen für sein Buch „Bunte erregende Welt“ ausgezeichnet.

Die Chinesen glauben, so schrieb mir Dschang Tien-tau unlängst aus Kanton, ihr Ni Chichin würde, nachdem der Russe Brumel wegen seiner schweren Verletzung kaum noch einmal richtig in Form kommen wird, als erster in der Welt 2,30 m hoch springen.

Als Ni bei den zweiten „Ganefospielen“ (Sportfest der „aufstrebenden Völker“) 1966 in ?nom Penh (Kambodscha) bis auf einen Zentimeter an Brumels Welthöchstleistung (2,28 m) herangekommen, ihm der Sprung über 2,27 m – wie alle Höhen vorher – beim ersten Versuch geglückt war, hätte er beinahe, wie Dschang Tien-tau beteuert, und zwar außerhalb Chinas, die als „Traumgrenze“ bezeichneten 2,30 m überwunden.

Im Spätjahr 1965 sprach ich im großen Arbeiterstadion in Peking, als er über die 2,23 m hinweg-„gestraddelt“ war, längere Zeit mit Ni. ‚Noch fünf Zentimeter, dann habe ich Brumel eingeholt“, murmelte der damals 23 Jahre alte, schlanke, mit seinen 1,84 m für einen Chinesen ungewöhnlich hochgewachsene 72 kg schwere Student aus der Provinz Fukien. Der Athlet, dessen lange Oberschenkel geradezu schmal wirken, trägt die Haar in die Stirn heruntergekämmt. Er machte darauf aufmerksam, daß er, als Brunei Olympiasieger in Tokio (2,18 m), Thomas aus den USA in gleicher Höhe Zweiter, dessen Landsmann Rambo (2,16 m) Dritter wurden, in Shanghai, am 11. 10. 1964, 2,21 m übersprungen habe.

Seine Favoritenstellung war übrigens auch bei den Ganefospielen 1966, überall, wo er in den letzten Jahren antrat, ungefährdet. Die spannungsgeladene Atmosphäre, mit der es sich im Wettkampf unter Gleichrangigen abzufinden gilt, hat er aber noch nicht kennengelernt.

Staatstrainer Krobkow meinte im September 966 bei den Europameisterschaften der Leichtathleten in Budapest, als wir über Brumels Aussichten sprachen: „Valerij quält sich furchtbar, um nach dem schweren Motorradunfall wieder richtig in Form zu kommen. Auch eine seiner SpezialÜbungen, das Hinaufspringen zum 3,05 m hohen Basketballkorb, um diesen mit dem Fuß zu streifen, gelingt ihm nicht mehr. Unser Skorzow (Bestleistung bisher 2,21 m), einige andere von den Jungen auch, werden in der Auseinandersetzung mit den Amerikanern um den höchsten Sprung an seine Stelle treten müssen. Was den Chinesen Ni Chi-chin angeht, so ist ja sein Leistungsvermögen noch nie im wirklich internationalen Wettkampf geprüft worden. Und für seine Teilnahme an einem solchen hat er wohl, nachdem sein Land von solch einem Sturm geschüttelt wird, keine Chance mehr.“