Seit der Thalidomidtragödie in Deutschland

im Jahre 1961 bemühen sich Wissenschaftler in aller Welt um die Aufklärung der Wirkungsmechanismen dieser Substanz. Wissenschaftler des Nationalen Institutes für Gesundheit in Bethesda (Maryland) haben jetzt eine Untersuchungsreihe abgeschlossen, die nicht nur die verheerende Wirkung des Thalidomids aufklärt, sondern es auch gestattet, neue oder schon existente Mittel auf thalidomidähnliche Wirkung zu beurteilen. Der Schlüssel zur Wirksamkeit des Thalidomids liegt in seiner Molekularstruktur, der Art und Weise, wie seine Moleküle in drei aneinanderhängenden Ringen angeordnet sind. Bislang war man der Ansicht, daß der teratogene Effekt vom dritten Ring verursacht würde, weil dieser in den Aufbau einer Aminosäure eingreifen kann.

Gegen diese Annahme sprechen Ergebnisse an Kaninchen und Ratten, die die amerikanischen Forscher Herbert Schumacher, David A. Blake und James R. Gillette erzielten. Nach ihren Untersuchungen verursachen gerade die, ersten beiden Ringe Mißbildungen. Zum Beweis ihrer Behauptung stellten die Forscher ein neues Präparat her, das lediglich aus den Bestandteilen der ersten beiden Ringe gebildet war. Das neue Mittel erzeugte genau die gleichen Veränderungen an den Embryonen wie das Thalidomid.

Die drei Ärzte geben zwei Arten an, in denen Thalidomid wirkt. Einmal dringt es in die Zellen des Embryos ein und ruft hier irreversible Veränderungen an den Trägern der genetischen Information hervor. Außerdem aber scheint es gewissen „organisierenden“ Stoffen ihre Wirksamkeit zu nehmen, Substanzen, die zu bestimmten Zeiten der Keimentwicklung die Anlage und Ausbildung neuer Organe regeln. Bei Thalidomid wird spezifisch die Ausbildung der Gliedmaßen gehemmt.

Nach den Untersuchungen der Wissenschaftler dringen die thalidomidähnlichen Stoffe in die fetalen Zellen ein, indem sie gewisse Fette oder fettähnliche Stoffe (Lipoide) der Zell wand lösen. U. R.