Nicht nur die DEFA hat in diesem Jahr in Moskau ihre sonstigen Leistungen unterboten, auch die Bundesrepublik. „Rockys Messer“ (Regie Joachim Mode) ist so ärgerlich, daß sicher ein kritisches Wort über das Niveau des in Berlin spielenden Films erübrigt. Daß ein Film mißglückt, ist nichts Ungewöhnliches: Alarmierend ist es aber, daß solch ein Film die Bundesrepublik auf einem Festival vertritt, auf dem es natürlich auch auf den Wettbewerb zwischen, Ost und West ankommt, auf den ideologischen und künstlerischen. Unser Land hatte es versäumt, eine offizielle Delegation nach Moskau zu schicken. Dadurch sah sich die private Initiative ermuntert, und so kam es zu dieser Entgleisung. Man müßte zwischen der Export-Union, dem Auswärtigen Amt und der Spitzenorganisation der Filmwirtschaft schnellstens eine Regelung treffen, die eine ähnliche Blamage in Zukunft ausschließt.

Auf unterstem Niveau; wenn auch in ganz anderem Sinne, stand auch „Der verzauberte Wald“, ein Farbfilm aus, Kambodscha. Während einer Jagd geraten die Gäste des Gouverneurs in das Reich der Geister des Waldes. Dort herrschen buddhistische Grundsätze, dort triumphiert die Gerechtigkeit, dort blühen die Künste. Der Film, der Humanismus zelebrieren will, trieft vor Edelmut. Dennoch ist Kambodscha, das wenig Filmerfahrung hat, viel eher zu entschuldigen als etwa westliche Länder mit langer Filmtradition.

Man könnte einen ganzen Katalog von schwachen Filmen, Fehlleistungen, Unglücksfällen aufstellen, für die meisten gäbe es wenigstens mildernde Umstände oder mildernde Aspekte

War zum Beispiel „Der Journalist“ schon an sich besser als „Rockys Messer“, so hatte die UdSSR noch andere Filme zu bieten, die den Prestigeverlust zum Teil wieder aufholten und ein anziehendes Gesamtbild bestimmten.

Am Eröffnungstage wurde „Sossja“ (Regie Michail Bogin, polnische Co-Produktion) gezeigt. Im Jahre 1944 verliebt sich in Polen ein sowjetischer Offizier in das Mädchen Sossja. Der Krieg führt sie zusammen, der Krieg trennt sie. Es ist eine melancholische Idylle, die etwas breit und etwas sentimental gerät, aber doch mit Stilgefühl gemacht ist. Die Szene, in der der Offizier, an einem Tisch im Garten sitzend, grüblerisch Abschiedsbriefe an die Angehörigen der Gefallenen schreibt, ist bemerkenswert. Was sich bisher in vielen Fällen nur pathetischer Formulierung fügen wollte, wird hier in sympathischer Verhaltenheit gezeigt und um individuelle Akzente bereichert. Die politische Zweckmäßigkeit (Harmonie zwischen Angehörigen der Ostblockstaaten) ist unaufdringlich und unschädlich.

Zum Abschluß, der Filmfestspiele gab es den schon in Cannes gezeigten dritten Teil von „Krieg und Frieden“: „Borodino“ (der vierte Teil, der eigentlich vorgeführt werden sollte, war nicht fertig geworden). Gerade hier in Moskau, wo viel mehr Experten den Film sehen als im Ausland, hält Bondartschuks Regie in ein paar wichtigen Punkten der Kritik stand. Das Kolossalgemälde nach Tolstoj ist manchmal zu breit angelegt und viel zu pathetisch. Aber es ist im Historischen sorgfältig. 1812 und 1941 sind für Rußland Varianten-ein und desselben Schicksals, das noch schmerzlich lebendig ist. Der Film darf – nicht etwa mit der schludrigen Verfilmung des Romans „Doktor Schiwago“ auf eine Stufe gestellt werden.

Welche Möglichkeiten im sowjetischen Film, im großen gesehen, stecken, das konnte man in diesen Julitagen im Kreml allerdings nicht ganz ermessen. Es war dem Zufall zu verdanken, daß eine Handvoll Gäste des Festivals im Hause des Verbandes der Filmproduzenten ein exemplarisches Ergänzungsstück sehen konnte: den „Regen im Juli“ von M. Chizijew, jenem 1925 geborenen Regisseur, der vor ein paar Jahren den Film „Ich bin 20 Jahre alt“ gedreht hat (der Film ist bei uns im Fernsehen gezeigt worden). Chizijew bringt eine aktuelle soziologische Studie, er beschreibt das Moskau von heute, das Verhalten zweier Generationen. Er zeigt, wie die Jungen sich den Älteren, auch den Frontkämpfern gegenüber leicht befremdet fühlen, sich abkehren, eigene Wege suchen. Es ist kein lauter, aber ein genauer, es ist kein aufsässiger, aber ein selbstbewußter Film.