Von Heinrich Jaenecke

In einer Arrestzelle des bolivianischen Militärflughafens bei Camirí wartet seit drei Monaten ein Häftling auf seinen Prozeß. Er ist Franzose, 27 Jahre alt, heißt Regis Debray und ist der meistgenannte Gefangene in Lateinamerika. General de Gaulle und der Vatikan intervenierten vergeblich – zu seinen Gunsten in La Paz beim bolivianischen Staatschef, dem General Barrientos. Verteidigungskomitees wurden gegründet, Protestresolutionen verabschiedet, internationale Organisationen bemüht. Und in der Pariser Kampagne klingen Töne an, als sei der junge Mann das exemplarische Opfer lateinamerikanischer Militärdiktatur geworden – ein Reporter, der in Ausübung seines Berufs in die Fänge der Dschungeljustiz geriet.

Eine romantische Figur? Ein Intellektueller aus der Schule Sartres? Der Name Debray ist von zwei anderen nicht zu trennen: denen des kubanischen Staatschefs Fidel Castro und seines ehemaligen Kampfgefährten Ernesto („Ché“) Guevara.

Lange, bevor die Affäre Debray Paris beschäftigte, war der junge Franzose in Havanna zu Ansehen gelangt. 1961, auf einer Studienreise, die ihm seine wohlhabenden Eltern ermöglicht hatten, (sein Vater Georges Debray ist Anwalt und Ritter vom Heiligen Grabe, seine Mutter Jeannine Alexandre-Debray, Abgeordnete des „Demokratischen Zentrums“ im Pariser Stadtrat), kam Debray nach Kuba. Er hatte sich schon als Gymnasiast der Kommunistischen Partei Frankreichs angeschlossen, war dann aber wegen linker Abweichung aus der KP ausgeschlossen worden. In Kuba fand Debray, wie viele junge Intellektuelle, eine neue politische Heimat: die unorthodoxe, unbürokratische Revolution fidelistischer Prägung.

Dieser Revolution fehlte freilich etwas Wesentliches: ein ideologisches Fundament. Bis heute hat Fidel Castro kein verbindliches Programm vorgelegt, nicht einmal eine Verfassung für Kuba. Er ist ein Empiriker, ein ehemaliger Liberaler, ein Vollblut-Revolutionär, dem abstrakte Ideologien ein Greuel sind. Die Basis seiner praktischen Politik sind seine persönlichen Erfahrungen. Es mußte ein Interpret kommen, der die Widersprüche der fidelistischen Revolution in ein Programm faßte.

Dieser Interpret wurde Regis Debray. Ende vergangenen Jahres veröffentlichte der kubanische Staatsverlag „Casa de las Americas“ Debrays Schrift „Revolution in der Revolution?“.

Die Broschüre erschien als Sonderdruck in bisher 200 000 Exemplaren. Es darf als das erste Grundwerk der fidelistischen Theorie gelten. Hinter dem Namen des ausländischen Verfassers steht die ganze Autorität Fidel Castros. Der Verlag betont im Vorwort, daß Debray Gelegenheit hatte, lange Tage mit dem Kommandanten Fidel Castro zu verbringen. Niemand, der bisher über die kubanische Revolution geschrieben hat, konnte soviel Material und Daten einsehen.