Dokumente über die Verfolgung der jüdischen Bürger in Baden-Württemberg durch das Nationalsozialistische Regime 1933–1945. Hrsg. von der Archivdirektion Stuttgart; bearbeitet von Paul Sauer, Bd. I und II, Kohlhammer Verlag, Stuttgart.

Kurt Georg Kiesinger, damals noch baden-württembergischer Ministerpräsident, stand bei dieser Dokumentation Pate. Er wollte nicht nur die Verfolgung der Juden in Baden-Württemberg aufklären, sondern die Untersuchungsergebnisse sollten auch publiziert werden. Besonders der staatsbürgerliche Unterricht in den Schulen sollte davon profitieren. Ohne Zweifel ein lobenswertes Unternehmen. Von der Ausführung läßt sich das freilich nicht mehr sagen.

Im Vorwort spricht Staatsarchivdirektor Professor Dr. Max Miller von der „Erschließung unverfälschten Quellenmaterials“. Ein paar Seiten weiter jedoch heißt es bereits einschränkend: „Bei einer zeitgeschichtlichen Publikation wie der vorliegenden ist auch der Gesichtspunkt der Wahrung der Personenrechte zu beachten. Es wurden daher Vor- und Familiennamen, Orts- und Straßennamen, die eine nicht erwünschte Personen- und Ortsidentifizierung ermöglichen könnten, durch frei gewählte Buchstaben ersetzt.“

Müssen ausgerechnet dann Namen verschwiegen werden, wenn es um die Aufdeckung nationalsozialistischer Schreckenstaten geht? Bei der Unterschlagung der Namen ist auch nicht einheitlich verfahren worden; es wurden nur die Namen von denjenigen nicht publiziert, „die eine nicht erwünschte Personen- und Ortsidentifizierung“ befürchten könnten. Und wer wünscht, nicht wiedererkannt zu werden? Bürgermeister- und Lindratsämter kleiner Orte und Städte, Studentenschaften, frühere Ortsgruppenleiter und Privatpersonen.

Die Anonymität sieht etwa so aus (ich greife einen vergleichsweise harmlosen Fall heraus): De Studentenschaft der Universität Freiburg i. Br. schickte am 8. Juli 1933 (!) eine Eingabe an das Badische Ministerium für Kultus und Unterricht: „Von den deutschen Studenten der Universität Freiburg wird ständig darüber Klage geführt, daß die jüdischen Studierenden neben einem frechen und herausfordernden Betragen in der Universität und in den Instituten sich auch noch stets die besten Plätze in den Hörsälen – sichern. Sie belegen die ersten Bankreihen und besten Plätze schon lange vor Beginn der Übung resp. Vorlesungen mit ihren Mappen oder Büchern und geben, auch wenn sie auf das Unstatthafte ihrer Handlungsweise aufmerksam gemacht werden, die Plätze nicht frei... Die Ruhe und Sicherheit an der Universität... kann nach Ansicht der Studentenschaft nur gewahrt werden, wenn das Ministerium die Platzfrage durch eine Verordnung des Ministeriums geregelt wird, (sic!) Daher ersucht die Studentenschaft der Universität Freiburg i. Br. das Ministerium für Kultus und Unterricht um die Herausgabe folgender Anordnung: 1. Die ersten Bankreihen in den Vorlesungs-, Arbeits- und Demonstrationsräumen dürfen nur von deutschen Studierenden und Ausländern besetzt werden. 2. Das Belegen von Plätzen in den Vorlesungen für andere ist allgemein verboten, gez. Die Studentenschaft der Universität Freiburg im Breisgau. N., Vertreter des Führers, O., Amtsleiter für Fakultäten.“

Wer hat das 1933 geschrieben? Ein N und ein O – zwei Namenlose der Studentenschaft. Damals öffentlich – heute geheim. Aber jeder Leser sollte wissen, wer so im Sommer 33 schrieb.

Und dann erst die Anordnungen, Verfügungen und Anzeigen der anderen, die zur Folge hatten, daß die Juden schikaniert, diffamiert, ausgewiesen oder in den Tod getrieben wurden! Wer zeigte an? Ein A. B. aus C.! Wer reichte im geschwollenen Beamtendeutsch eine Anleitung zum Mord weiter? Ein V. W. aus Z.! (Jawohl, ein V. W.!) Gewiß, diese Unbekannten gaben selbst keine Erlasse zur Ausrottung der Juden heraus, aber sie trugen zu ihrer Verfolgung und ihrem Tod bei. Ich erwarte gar nicht, daß diese Namenlosen für ihr Mitläufertum bestraft werden; ich möchte nur ihren Namen wissen. Sie sollten öffentlich zu dem stehen, was sie einst angerichtet haben.