Kultur war immer Angelegenheit einer Elite – bis zur Einführung der Massenkommunikationsmittel. Arthur Koestler

Carl Sandburg

Präsident Kennedy hatte Carl Sandburg einst mit Robert Frost ins Weiße Haus geholt. Präsident Johnson sagte nun von ihm: „Er bedarf keines Epitaphs. Es ist für alle Zeiten in die Felder, Städte, Gesichter und Herzen dieses Landes, das er liebte und dessen Menschen er feierte und bereicherte, geschrieben.“ In der vergangenen Woche ist der amerikanische Dichter des Mittelwestens, der Whitman der Einwanderer, auf seiner Ziegenfarm in Nordkarolina im Alter von 89 Jahren gestorben. Sandburg war der Sohn einfacher schwedischer Einwanderer. Zunächst verdiente er sich seinen Lebensunterhalt mit Gelegenheitsarbeiten, dann wurde er radikaler Journalist, schließlich Gründer einer sozialistischen Partei. Seine ersten Gedichte veröffentlichte er 1916 in Chicago. In der Zeit von 1920 bis 1940 schrieb er an seiner großen sechsbändigen Lincoln-Biographie, die ihn bekannt und berühmt machte. Für dieses Werk erhielt er 1940 den Pulitzer-Preis, für das lyrische Gesamtwerk erhielt er 1950 seinen zweiten Pulitzer-Preis. Bis ins hohe Alter hat er noch landauf, landab eigene Lieder und Gedichte einem begeisterten Publikum vorgetragen.

Sündenbock gesucht

Rund 700 000 Mark oder gar noch mehr werde das Defizit der diesjährigen Ruhrfestspiele betragen, ließ die Stadtverwaltung von Recklinghausen mitteilen. Darauf bestellten die Ratsherren der Festspielstadt einen fünfköpfigen Untersuchungsausschuß, der die Ursache des Lochs in der Kasse feststellen soll. Daß die Vertreter der politischen Parteien einen plausibleren Grund zu definieren wagen, als die Festspielleitung, ist allerdings kaum anzunehmen. Die Geschäftsführung hatte flink die Schuld auf andere geschoben, auf die Inszenatoren von Grabbes „Napoleon oder Die hundert Tage“ und auf die uninteressierten Festspiel-Eingeladenen, die zu dem „Lehrstück“ von Brecht/Hindemith gar nicht und zu anderen Veranstaltungen nur zögernd kommen wollten. Den als Geschäftsführer der Ruhrfestspiele GmbH fungierenden Kulturreferenten des DGB, Dr. Karlheinz Hagin, zu entlassen und dafür einen Intendanten zu bestellen, hat das Stadtparlament bereits abgelehnt.

Gefangener Sänger

Sein Onkel war einmal Mitglied einer kommunistenfreundlichen Regierung. Er selbst reiste 1959 nach Helsinki, zu einer Zeit, als dort die kommunistischen Weltjugendfestspiele stattfanden – möglich, daß das ausreicht, um einen Komponisten wegen kommunistischer Spionage notfalls freiwillig nach Südkorea zu verfrachten. Isang Yun studierte in Tokio, später in Paris und von 1957 bis 1959 in Berlin bei Boris Blacher und Joseph Rufer, er wohnte in Köln und Freiburg, arbeitete eine Zeitlang als artist in residente der Ford Foundation in Berlin – vielleicht machte ihn das verdächtig. Im Juni entführte ihn der koreanische Geheimdienst. – Ein Vierteljahr zuvor komponierte Yun für den Organisten Gerd Zacher, einen der wenigen, die sich daran wagen, avantgardistische Musik auf der Orgel zu spielen, „Tuyaux sonores – klingende Rohre“. Die „klingenden Rohre“ sind Studien über liegende Klänge, Tonklumpen, deren Farbe verändert wird. Für Einladung und Plakat zu einem Gedenkkonzert Zachers für Isang Yun (28. Juli in der Luther-Kirche Hamburg-Wellingsbüttel) schnitt HAP Grieshaber die Figur des Gefangenen Sängers mit dem Namen des Komponisten in koreanischen Buchstaben.