Sie hatten zu früh gejubelt. Ihr Zweckoptimismus hatte die eigenen heimlichen Befürchtungen übertönt, daß es auch ihnen an den Kragen gehen könnte wie irgendeinem Autofabrikanten, ihnen, die sie doch Urlaubsglück herstellen, mit goldfarbenen Meeresküsten handeln, mit Gitarrenklang und Sonnenuntergängen. Und die gewohnte Zuwachsrate deutscher Reiselust um knapp sieben Prozent in den Monaten Januar bis März hatte die lächelnde Zuversicht der Touristikunternehmer nur bekräftigt.

Noch im Juli schwadronierte der Deutsche Reisebüro-Verband in bemerkenswertem Deutsch: „Das deutsche Reisepublikum hat seine schon fast sprichwörtliche Krisenfestigkeit erneut unter Beweis gestellt.“ Im Juli hatte aber offenbar nur der Deutsche Reisebüro-Verband noch nicht gemerkt, daß seit Anfang April die Vergleichszahlen im Reisegeschäft nicht mehr übertroffen wurden.

Der Schlag kam so unerwartet, daß den Zweckoptimisten das Lächeln der Zuversicht in den Mundwinkeln einfror. Über Nacht erlebten und erlitten die Hoteliers in Österreich, die Schankwirte in Oberbayern und die Taxichauffeure auf Mallorca die bestürzende Metamorphose des deutschen Touristen. Zugleich verdichteten sich die Schreckensnachrichten aus den Pauschalparadiesen zur deprimierenden Gewißheit: Zimmer frei.

Österreich, das meisterkorene Ferienland der Deutschen, berichtete mit allen Anzeichen der Fassungslosigkeit vom Rückgang der Übernachtungszahlen in Salzburg und im Salzkammergut, in Oberösterreich, Kärnten und sogar Wien um elf und zwölf Prozent. Die Touristikunternehmen Touropa, Scharnow und Hummel werden heuer voraussichtlich etwa ein Drittel weniger deutsche Urlauber nach Österreich karren als im vergangenen Jahr. Wien überfremdet. In der Märchenstadt am Donaustrand gibt es heute schon mehr Amerikaner als Deutsche.

In den deutschsprachigen Feriendörfern an der italienischen Adria und Riviera sollen die schönen neuen Hotels nur zu 60 Prozent belegt sein. Griechenland und Tunesien ringen sich Zugeständnisse ihrer geschrumpften Beliebtheit ab. Die Deutsche Bundesbahn beklagt empfindliche Einbußen bei Pauschalreisen zwischen 300 und 370 Mark.

Die Metamorphose des deutschen Touristen ist Tagesgespräch in den Schaltzentralen der Ferienwonnen und an den Taxiständen am Mittelmeer. Der deutsche Tourist ist nicht mehr der alte. Er hat sich über Nacht in einen Pfennigfuchser verwandelt. Er riskiert es, seine Urlaubsreise zu einem Zeitpunkt zu buchen, zu dem er noch im letzten Jahr in den etablierten Vierwochen-Paradiesen nicht einmal mehr eine Badewanne bekommen hätte. Er überrascht seine Gesprächspartner mit bohrendem Interesse für Hotelzimmerpreise und Inklusivleistungen. Er schreckt nicht davor zurück, Speisekarten miteinander zu vergleichen. Er bevorzugt billige Tavernen und nimmt, statt der preiswerten spanischen Taxe, lieber den noch preiswerteren spanischen Omnibus. Der deutsche Tourist braucht, so scheint’s, zur Minderung seiner Ausgabefreudigkeit keine Devisenbeschränkung wie die Engländer. Ihm genügt die Flaute.

Die Wirtschaftsflaute reicht zur Erklärung der Knauserei („wenn man denn schon einmal im Jahr in Urlaub ist“) freilich nicht aus. Immerhin ist das Angebot reicher geworden, der Wettbewerb schärfer. Neue Feriengebiete wurden erschlossen. Die Pauschalarrangements einiger Ostblockländer sind ungemein vorteilhaft. So vernimmt man denn von der jugoslawischen Küste und vom Schwarzen Meer bislang noch keine Klagelieder.

Vielleicht ist aber die gedämpfte Reiselust der Deutschen im kuriosen Sommer des Reisejahres 1967 auch das Vorzeichen für eine neue Entwicklung, für einen unerwarteten Trend im Tourismus. Oder ist es am Ende gar das ferne Wetterleuchten einer Götterdämmerung, das Signal einer neuen Laune oder Welle oder Mode – und von den schönen neuen Hotelkästen am Mittelmeer bliebe nichts, als der durch sie hindurchgeht, der Wind? Wolfgang Boller