FÜR Leser zwischen Fontane und Grass –

Johannes Bobrowski: „Litauische Claviere“, Roman; Verlag Klaus Wagenbach, Berlin; 170 Seiten, 14,80 DM.

ES ENTHÄLT ein Stück Literatur, das von mancherlei Sentiments umgeben ist, den letzten Roman eines Autors, der in Berlin-West und Berlin-Ost gleichzeitig verlegt wurde, der, 1917 in Tilsit geboren, 1965 in Berlin-Ost starb, ohne daß es seinen Freunden aus dem Westen gelungen wäre, mit einem für ihn bestimmten Medikament noch rechtzeitig bis zu seinem Krankenlager vorzudringen.

ES GEFÄLLT trotz, das heißt, auch nach Abzug all dieser Imponderabilien, von denen zu profitieren ein Erzähler wie Bobrowski nie nötig hatte. Wenn der Leser dieses Romans sich dennoch von einer Es-war-einmal-Atmosphäre eingefangen fühlt, so hängt das damit zusammen, daß dieser Roman zwar im Präsens geschrieben, aber doppelte Vergangenheit ist, daß der Ort des Geschehens zwar nachbarlich nahe, aber dennoch für die meisten von uns unerreichbar fern liegt. Diese Geschichte des Gymnasialprofessors Voigt und des Konzertmeisters Gawehn, die sich 1936 mit der Kleinbahn von Tilsit nach Willkischen begeben, um dort Material zur Oper über das litauische Universalgenie Kristijonas Donelaitis zu sammeln, ist, von ihren literarischen Valeurs abgesehen, auch ein Stück Historie. Welchen Landes? Es heute zu benennen, würde den Protest von mindestens zwei Regierungen hervorrufen.

Petra Kipphoff