Von Hans Gresmann

Charles de Gaulles Reise in die Unwirklichkeit ist eine Reise ohne Umkehr. Für alle, die sich in der nüchternen Realität einzurichten gedenken, wird es unumgänglich, eine Politik für morgen zu konzipieren – ohne dabei auf de Gaulle Bedacht zu nehmen.

Als in der vorigen Woche der französische Staatschef seinen Kanada-Besuch abrupt abbrechen mußte, war dies die Folge eines Mißgriffs, wie ihn die Geschichte der Reisediplomatie bislang nicht aufzuzeichnen hatte. „Es lebe das freie Quebec, es lebe das französische Kanada!“ – dieser Ausruf des Streiters aus Lothringen wird noch in fernen Zeiten zitiert werden, wenn es darum geht, ein Beispiel zu finden für die seltene Kunst, verläßlich ins Fettnäpfchen zu treten.

Nun läßt sich mit Recht sagen, daß die französisch-kanadischen Querelen nicht unsere Sache sind und daß zudem de Gaulles fast manische Animosität gegen alles Angelsächsische seit langem bekannt war. Das ist zwar richtig, aber dennoch muß uns die kanadische Tölpelei des französischen Staatspräsidenten interessieren. Zwar ist unser Schicksal nicht in seine Hände gelegt, aber er vermag unser Schicksal mit zu beeinflussen, besonders dann, wenn ihm jene Vollmachten erteilt würden, die manche deutschen Rest-Gaullisten noch in jüngster Zeit erwogen haben.

In Kanada hat Präsident de Gaulle aufs neue und am bisher eindeutigsten bewiesen, daß er mit seiner Halsstarrigkeit schweren Schaden stiften kann. Und da hat die Frage durchaus sekundäre Bedeutung, ob de Gaulles Lapsus auf eine verminderte geistige Präsenz, die im Alter von 76 ja durchaus nicht ungewöhnlich wäre, oder auf ein so zielstrebiges wie gestriges Nationalitätendenken zurückzuführen ist. Derlei Überlegungen lassen sich, wie dies mit honorigem Stirnrunzeln immer wieder versucht wird, nicht einfach als taktlos abtun. In der Politik hat sich der Takt dem Selbstbehauptungsinteresse unterzuordnen. Ob heute der Mann de Gaulle in die Irre geht oder ob seine Politik in die Irre geht, erscheint angesichts der Frage, ob wir uns ihm anvertrauen dürfen – und sei es nur auf einem begrenzten Bereich der Ostpolitik –, nicht mehr so arg wichtig. Die kanadische Episode hat deutlich gemacht, daß die Bundesregierung es nicht mehr verantworten kann, dem alten Mann auf der anderen Seite des Rheins ein politisches Mandat zu erteilen

Verniedlichende Interpretationen für de Gaulles überseeische Phantasien hat es die Fülle gegeben. Aber da halten wir es doch mit dem britischen Guardian der geschrieben hat: „Sicherlich haben die vorausschauenden Anhänger des Generals schon ein Argument für den Fall vorbereitet, daß er Raketen an China verkauft oder den Negerführer Carmichael als den amerikanischen Präsidenten im Exil anerkennt.“ Wen oder was de Gaulle noch alles anerkennen könnte, wer weiß? Fest steht, daß von nun an seiner Politik das Mal der Unberechenbarkeit aufgedrückt ist.

Viele Jahre lang ist die deutsche Außenpolitik auf eine höchst peinlich-peinigende Weise hin- und hergerissen worden zwischen Paris und Washington. Jetzt, da sich das politische Gewicht Frankreichs mindert, müßte es da für uns Deutsche nicht automatisch wieder notwendig werden, noch engere Anlehnung an Amerika zu suchen? Die Frage liegt nahe, doch die Politik ist keine Physik, und mechanische Gesetze gelten in ihr nicht.