Brandts Reise nach Bukarest

Von Hansjakob Stehle

Unter den mißtrauischen Blicken der osteuropäischen Kommunisten, zumal der sowjetischen, ist Bundesaußenminister Brandt nach Rumänien gereist. Es geht um die erste und bislang einzige Frucht der "neuen Ostpolitik" – eine Frucht, von der manche meinen, daß sie im falschen Garten gepflückt worden sei, zu spät – oder zu früh. Doch gab es Ende Januar wohl gar keine andere Wahl, als die eigenwilligen Rumänen dem Austausch von Botschaftern mit Bonn zustimmten. Allerdings haben die übrigen Ostblockstaaten inzwischen eine Barriere gegen die neue deutsche Ostpolitik aufgerichtet – auch wenn Brandt den Russen erst jüngst wieder versicherte, Bonn sei "nicht so töricht, zu meinen, wir könnten Ostpolitik als eine Politik der Intrige innerhalb des Blocks und gegen die Sowjetunion betreiben".

In Moskau wird man sich nicht so leicht vom Argwohn abbringen lassen; ja, die Gefahr besteht, daß Brandts Gespräche mit Ceausescu, Maurer, Stoica und Manescu den Vorurteilen Auftrieb geben. Die Rumänen lassen sich mit lateinischem Temperament, gemischt mit levantinischer Schläue, nur vom eigenen Interesse leiten. Am gleichen Tage, als Brandt von den Rücksichten sprach, die deutsche Ostpolitik auf Moskau zu nehmen hat, wurden vor der Nationalversammlung in Bukarest die Beziehungen zu Bonn ganz unverhohlen und stolz auf das Haben-Konto einer von Moskau unabhängigen Außenpolitik gebucht.

Vitale Wirtschaftsinteressen

Übrigens auch aus einem ganz handfesten Grund: Das wirtschaftliche Konto ist überzogen; Rumäniens Handelsdefizit mit der Bundesrepublik, das schon Ende des letzten Jahres 520 Millionen Mark betrug, kletterte schon im ersten Quartal 1967 auf 684 Millionen, wobei die deutschen Lieferungen sich verdreifachten, die rumänischen dagegen um elf Prozent fielen. Dazu kommen Schulden von 1,2 Milliarden Mark aus langfristigen Krediten, die durch die Hermes-Garantie gedeckt sind. Im Juni reiste deshalb der stellvertretende Außenhandelsminister Albescu drei Wochen lang durch die Bundesrepublik und fahndete nach größeren Absatzmöglichkeiten für rumänische Waren. Keinesfalls will Rumänien auf die Maschinen und Industrieausrüstungen verzichten, deren Qualität die Bundesrepublik zum zweitgrößten Handelspartner (nach der Sowjetunion) – und zum größten ausländischen Gläubiger Bukarests werden ließ.

Das alles war schon Thema der Gespräche, die Außenhandelsminister Cioara im Mai 1966 in Bonn und der damalige Bundeswirtschaftsminister Schmücker dann im September in Bukarest führten. Brandt stößt nun wieder, darauf; und Parteichef Ceausescu hat vor der Nationalversammlung letzte Woche den Wunsch nach ausgeglichener Handelsbilanz mit Bonn bereits an politische Perspektiven geknüpft: "Dies wird zur Entwicklung der vielseitigen Beziehungen zwischen den beiden Ländern beitragen", versprach er hintergründig.