Berlin

Der Versammlungssaal im Berliner Gewerkschaftshaus in der Keithstraße war angenehm kühl. Die Stimmung entsprach indes eher den tropischen Wärmegraden dieses Sommers: Die Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen war dabei, dem Berliner Senat den Krieg zu erklären.

Ein schüchterner Versuch des Stadtkabinetts, die touristische Anziehungskraft Berlins durch verbesserte Einkaufsmöglichkeiten zu ergänzen, hatte die Funktionäre aufgeschreckt. Am 18. Juli war im Rathaus Schöneberg eine Zusatzverordnung zum Ladenschlußgesetz verabschiedet worden, wonach an drei Samstagen im Herbst – am 26. 8. zur Funkausstellung, am 30. 9. während der „Berliner Festwochen“ und am 14. 10. anläßlich der „Durchreise“ – alle Geschäfte der Stadt bis 21.00 Uhr geöffnet bleiben dürfen.

Handhabe dazu bot Paragraph 16 des Ladenschlußgesetzes von 1956, der bei „besonderen Veranstaltungen“ zwölfmal im Jahr derartige Ausnahmen vorsieht. Im Hintergrund dieses vom Senat ausdrücklich als Experiment deklarierten Vorgehens waren freilich die Hilferufe zahlreicher Citygeschäfte nicht zu überhören. Stagnierende Umsätze hatten Sorgen „um die Geltung Berlins als eines europäischen Einkaufs- und Touristenzentrums“ geweckt. Die Verordnung über die drei „Super-Samstage“ (Heinrich Albertz) wurde gegen den Widerstand der Gewerkschaften erlassen, die gleich ihr schwerstes Geschütz auffuhren und mit Streik drohten.

Obwohl an der Protestversammlung nur rund 500 Verkäufer und Verkäuferinnen teilnahmen, wurde das gesamte Verkaufspersonal der Stadt (rund 60 000) aufgefordert, an den drei Samstagen die Arbeit wie üblich um 14.00 Uhr einzustellen. Die Versammlung glich zeitweilig Peter Handkes „Publikumsbeschimpfung“. Über dem Rednerpult hing ein Plakat mit der gegen Sozialsenator Kurt Neubauer gerichteten Aufschrift „Neubauer zwingt Touristen rein – Verkäufer raus!“ Und Vorsitzender Rudolf Schnee sprach von „Willkür“ und „Ermessensmißbrauch“ des Senats zugunsten „mauermüder Touristen“ auf Kosten der Verkäuferinnen. Ein Düsseldorfer Funktionär beschwor die „Weltstadt“: „Der Weltstadtcharakter wird nicht durch den Abbau sozialer Leistungen erhalten oder erweitert.“

Bürgermeister Albertz indeß verbat sich energisch diese Fehlinterpretation.

An den drei Samstagen im Herbst dürfen also de Geschäfte geöffnet bleiben – um wenigstens für ein paar Stunden zu demonstrieren, daß Berlin nicht nur Berlin sondern auch eine Weltstadt ist.

P. N.