Es war ein Ereignis, beispiellos in der Kirchengeschichte der letzten Jahrhunderte: Der Heilige Vater kehrte an jenen Ort zurück, wo vor mehr als 900 Jahren die Trennung zwischen Katholiken und Orthodoxen durch Bannflüche besiegelt wurde, um mit dem Patriarchen von Istanbul den Bruderkuß zu tauschen. Zumindest zwischen diesen beiden Würdenträgern, unter Paul VI. und Athenagoras, ist die Versöhnung vollzogen worden, begann – wie es der päpstliche Besucher nannte – der „Dialog der Wahrheit in der Liebe“.

Gewiß ist zumindest, daß für die Kirchenhistorie des 20. Jahrhunderts diese Pilgerfahrt des Papstes an den Bosporus von umwälzender Bedeutung sein wird: Das Ende eines tragischen Schisma hat sich mit dieser Visite angekündigt.

Der Gegensätze zwischen Orthodoxen und Katholiken freilich sind noch genug, schier unüberwindlich scheinende Gegensätze. Die päpstliche Unfehlbarkeit ist für die Ostkirchen ebensowenig akzeptabel wie der juristische Primatanspruch des Apostelnachfolgers von St. Peter. Darüber können auch die freundlichen Formeln nicht hinwegtäuschen, die Paul VI. und Athenagoras wechselten. So nannte der Papst den Patriarchen demonstrativ „Seine Heiligkeit“ und bekundete den Orthodoxen seine „tiefe Achtung für ihre Gebräuche und rechtmäßigen Traditionen“; so redete Athenagoras seinen Gast voller Absicht als „Gleicher unter Gleichen“ an, was früher einer Provokation gleichgekommen wäre.

Zudem gibt es auch kirchenpolitische Widerstände auf beiden Seiten, die aller Versöhnungsbereitschaft der beiden Kirchenfürsten noch im Wege stehen. Auf der einen Seite sind es die Traditionalisten in der römischen Kurie, die den „Vormarsch zur Einheit“ voller Argwohn beobachten und vor einer Verwässerung der katholischen Lehre warnen. Sie sind es auch nach wie vor, die sich einen Zusammenschluß der beiden Schwesterkirchen allein unter dem Machtanspruch Roms vorstellen können. Auf der anderen Seite, in der Orthodoxie, sind es vor allem die Patriarchate in den osteuropäischen Staaten, die Athenagoras nicht die Rolle des Schrittmachers zubilligen. Eine führende Position in dieser Auseinandersetzung innerhalb der Orthodoxie nimmt das Moskauer Patriarchat ein, von dem es noch immer heißt, es betrachte sich als das „dritte Rom“.

Doch der „Wind des Wandels“ wird sich durch solche Barrieren nicht aufhalten lassen. Schon hat die spektakuläre Reise Pauls VI. – der ersten eines Papstes zum Sitz eines Patriarchen – Athenagoras einen großen Prestigegewinn eingetragen. Er muß nun, wenn er demnächst seinen Gegenbesuch im Vatikan macht, nicht mehr befürchten, daß ihm die türkische Regierung die Rückkehr verweigert. Die Ehrung, die ihm durch, den Papst öffentlich zuteil wurde, wird sicherlich auch bei den mohammedanischen Türken nicht wirkungslos bleiben. Das Schmähwort „Gangster“, mit dem der greise Patriarch noch unlängst in einer Zeitung Istanbuls belegt wurde, gehört der Vergangenheit an.

Für die Gegner der Einheit in den Reihen der katholischen Kirchen aber gilt die Bitte des Papstes, gerichtet vor knapp zwei Jahren an die UN-VollVersammlung: „Wir wiederholen hier noch einmal unseren Wunsch: Vorwärtsgehen! Wir sagen noch mehr: Tun Sie alles, um diejenigen wieder zurückzuführen, die sich von Ihnen getrennt haben; erkunden Sie die Möglichkeit, diejenigen, die noch nicht daran teilnehmen, zu Ihrem Pakt der Brüderlichkeit in Ehre und Loyalität heranzuführen; tun Sie alles, damit die, die noch außerhalb stehen, das Vertrauen wünschen und verdienen und seien Sie dann so großzügig, es ihnen zu gewähren.“ D. St.