Von Josef Müller-Marein

Paris, im August

Dem Donnerschlag der Reden, die de Gaulle in Montreal gehalten hatte, war in Frankreich ein tiefes Unbehagen gefolgt. Würden die Erklärungen, die der Staatschef am Montag im Ministerrat abgeben wollte, geeignet sein, die empörten oder, enttäuschten oder zweiflerischen Gemüter zu beruhigen? Nein, offensichtlich hat die Erregung eher neue Nahrung gefunden, die Sorge sich vertieft.

Lange nicht mehr hat man beispielsweise so deutliche Sätze gelesen wie die, mit denen der Chefredakteur des Monde Hubert Beuve-Mery, unter seinem Signum „Sirius“, seinen Kommentar schließt: „Mögen die Opponenten, ob sie innerhalb oder außerhalb des gaullistischen Lagers stehen, sich mit den organisatorischen Vorbereitungen beeilen, damit sie zukünftig ihre Verantwortung erfüllen können! Wenn sie hier nicht aufpassen, so kann es leicht sein, daß man dies nach dem Verschwinden eines alten Chefs bedauern wird, der unerträglich geworden ist.“

Unerträglich! Seit der brüsken Abreise de Gaulles aus Quebec und seiner Weigerung, der Einladung des kanadischen Ministerpräsidenten zu einem Besuch in Ottawa, der vorher vereinbart war, zu folgen, hat sich die Kritik seiner Landsleute hauptsächlich dagegen gewandt, daß er sich „unmöglich benommen“ habe. So verschieden hier dem Entsetzen Ausdruck gegeben und so vage in diesem Punkte die Kritik in Stadt und Land formuliert wurde, so war der Unmut doch allgemein.

Diplomatie, so hieß es, hat unter anderem die Aufgabe, das eigene Land beliebt zu machen. Und die Bürger des Landes, die in den letzten Jahren soviel von der Größe ihrer Nation gehört haben, empfinden jetzt, nachdem sie unter de Gaulles eigensinniger Regierung große Fortschritte erzielt haben, das starke Bedürfnis, geliebt zu werden – nicht allein von den Einwohnern in dem französisch sprechenden Teil Kanadas.

Jetzt, nach dem Ministerrat, stellt sich heraus, daß de Gaulle schon deshalb als Diplomat versagt hat, weil er in Quebec überhaupt keine Diplomatie betreiben wollte. Es sind gallenbittere Äußerungen letzthin nicht nur in Amerika und in England, sondern auch in Frankreich über de Gaulle gefallen. Sofern der Spott sich in Grenzen hielt, betraf er Sätze wie die aus de Gaulles Universitätsrede in Montreal: „Der Geist Frankreichs strahlt in die Welt hinaus – lebendiger, kraftvoller denn je.“ Oder der Spott karikierte de Gaulles Angewohnheit, in feierlichen Augenblicken von sich selber in der „dritten Person“ zu reden: „Ich möchte“, so sagte er in derselben Hochschulaula, „daß Sie die Idee der Anwesenheit des General de Gaulle bewahren!“