Von Richard Schumid

Jürgen Schmädeke: Militärische Kommandogewalt und parlamentarische Demokratie. Zum Problem der Verantwortlichkeit des Reichswehrministers in der Weimarer Republik. Matthiesen Verlag, Lübeck und Hamburg, 216 S., brosch., 24,50 DM.

Im Ersten Weltkrieg sind die demokratischen Länder, in denen der militärische Oberbefehl in ziviler Hand lag und unter demokratischer, vorwiegend parlamentarischer Kontrolle und Verantwortung stand, siegreich gewesen. Es lag nahe, nach der demokratischen Revolution von 1918 in Deutschland einen gleichen Zustand herzustellen und das Vorurteil zu überwinden, daß eine zivile und demokratisch verantwortliche Spitze der Wehrmacht deren Schlagkraft und Standfestigkeit beeinträchtige. In weitem Umfang wurde jedoch die Niederlage samt ihren Gründen bei den Verantwortlichen und bei den sogenannten nationalen, antirepublikanischen Politikern verdrängt. Die Formel vom Dolchstoß und die nicht weniger lügenhafte des „im Feld unbesiegt“ dienten diesem Zweck. Die Weimarer Verfassung hat sich allerdings für die demokratische Lösung entschieden. Zwar hatte der Reichspräsident nach Artikel 47 den Oberbefehl über die gesamte Wehrmacht. In Artikel 50 war aber bestimmt, daß alle Anordnungen und Verfügungen des Reichspräsidenten, auch solche auf dem Gebiet der Wehrmacht, zu ihrer Gültigkeit der Gegenzeichnung durch den Reichskanzler oder den zuständigen Reichsminister bedürfen; durch diese Gegenzeichnung wurde die Verantwortung übernommen. Damit war der Reichspräsident auf eine rein repräsentative Funktion beschränkt.

Über die heimlichen und offenen Widerstände gegen diese verfassungsrechtliche Entscheidung der Nationalversammlung zugunsten einer republikanischen Wehr Verfassung, darüber, wem sie zu verdanken war und wie sie schließlich von 1920 an wieder ausgehöhlt wurde, – dies wird in der Monographie Schmädekes ebenso präzis wie gründlich und wohldokumentiert dargestellt. Das Buch ergänzt die für das antirepublikanische Offizierskorps peinliche Aufhellung der Vorgänge durch die Arbeit, von François Carsten (Reichswehr und Politik 1918 – 1933; in Deutschland 1964 erschienen) durch einige hochinteressante Urkunden.

Die demokratische Regelung, nämlich die Unterordnung der Heeresleitung und des Generalstabs (oder was nach dem Verbot durchden Versailler Vertrag an dessen Stelle trat) unter die parlamentarisch verantwortliche Reichsregierung war das Verdienst des Verfassungsausschusses, von Gustav Noske und insbesondere des damaligen Oberst Walter Reinhardt, nach der Revolution preußischer Kriegsminister und Mitglied der vorläufigen Reichsregierung, einer der ganz wenigen Republikaner im Offizierskorps. Gegen die parlamentarische Lösung gearbeitet hat schon im Jahre 1919 Wilhelm Gröner – das ist nun zweifelsfrei nachgewiesen.

Etwas vereinfacht gesagt, ging der Streit damals und später, darum, ob weiterhin – wie im Kaiserreich – der Kriegsminister auf bloße Verwaltungssachen beschränkt werde und die militärische Befehlsgewalt einer nicht demokratisch kontrollierten Heeresleitung zustehen solle; wobei jedoch die Trennung dieser beiden Bereiche ihrerseits strittig war: Wohin gehören zum Beispiel Personal- und Beförderungsfragen, Ausbildung, Nachrichtendienst? Die Verfassung und die auf ihr beruhende Verordnung des Reichspräsidenten vom 20. 8. 1919 übertrug die einheitliche Gewalt (militärische Kommandogewalt und Verwaltung) dem Reichswehrminister. Der von Gröner bitter angefeindete Republikaner Reinhardt wurde der erste Chef der Heeresleitung.

Die Gegenentwicklung begann mit dem Kapp-Putsch im März 1920, bei dem sich die antirepublikanische Haltung des Offizierskorps, auch soweit es nicht am Putsch beteiligt war, deutlich zeigte. Ebert ließ leider Noske und Reinhardt fallen und berief Geßler zum Reichswehrminister, eine, wie man längst erkannt hat, verhängnisvolle Berufung. Geßler machte von Seeckt zum Chef der Heeresleitung. Damit kam eine Entwicklung in Gang, die dem Kapp-Putsch doch noch, wenn auch schleichend, zum Erfolg verhalf. Über die Person Geßlers war man schon bisher, besonders durch seine eigenen Memoiren, ziemlich im klaren. Er war Monarchist und litt, auch nachdem er in den Reichstag gewählt worden war, an dem Gefühl der gesellschaftlichen Unterlegenheit gegenüber den feinen und adligen Herrn, mit denen er zu tun hatte, insbesondere gegenüber dem gewandten Seeckt, der viel besser zu Pferde saß.