Die herbe Kritik wegen seiner Kanadareise ist an Staatspräsident de Gaulle wirkungslos abgeprallt.

Nach der längsten Ministerratssitzung, die Frankreich je erlebte, ließ der Präsident verkünden: Er habe mit seinen Reden den Franko-Kanadiern „helfen wollen, sich selbst zu befreien“. In Quebec habe er erkannt, „daß nach einem Jahrhundert der Unterdrückung, das für sie nach der englischen Eroberung folgte, ihnen nunmehr auch das zweite Jahrhundert ... in ihrem eigenen Land weder Freiheit, noch Gleichheit, noch Brüderlichkeit brachte“.

Frankreich habe freilich nicht die Absicht – so fügte Informationsminister Gorse im Namen de Gaulles beruhigend hinzu – „seine Souveränität auf ganz Kanada oder Teile Kanadas von heute“ auszudehnen.

Die „New York Times“ bezeichnete diese Erklärungen als „neuen groben Akt gaullistischer Einmischung in die inneren Angelegenheiten Kanadas“ und als „bedeutende Eskalation des Streites, der während des Besuchs General de Gaulles in Kanada begann“.

Dort hatte de Gaulle während eines Staatsbesuchs die Franko-Kanadier zu größerer Distanz zu den Angelsachsen angefeuert. Auf einer Massenversammlung in Montreal (de Gaulle: „Die zweitgrößte französische Stadt der Welt“) rief er aus: „Lang lebe das freie Quebec!“

Der kanadische Premierminister Pearson hatte diese Äußerung als „unannehmbar“ bezeichnet. De Gaulle antwortete mit einem „unzumutbar“ und brach seine Reise vorzeitig ab.

Zur Begründung ließ de Gaulle Anfang dieser Woche eine komplizierte Erklärung verbreiten: Er sei nach Kanada von der Provinzregierung in Quebec, nicht aber von der kanadischen Bundesregierung eingeladen worden. Deshalb habe die Bemerkung Premierminister Pearsons eine Weiterreise unmöglich gemacht. Doch nicht alle Franzosen folgen denn General. Nach einer Umfrage des französischen Nachrichtenmagazins „L’Express“ verurteilten 56 Prozent der Pariser Bevölkerung das Auftreten des Präsidenten in Kanada. Selbst im Ministerrat wurde Widerspruch laut: Mehrere Minister sollen ihren Rücktritt angeboten haben.