Von Ludwig Marcuse

Es ist heute in Deutschland eine Ehre, als „unbequem“ charakterisiert zu werden. Aber, so eindeutig die Abwertung ist: jemand bequeme sich allen und allem an – der Unbequeme kann schwierig sein, weil er den üblichen Trott nicht mitmacht, aber auch weil er schlicht ein Querulant ist.

In der Geschichte der deutschen Polemik gibt es die Unerbittlichen Lessing und Marx, die militanten Ironiker Heine und Kerr: Sie waren „ratioaktiv“, die Ratio aktivierend. Die Anthologie

Kurt Hiller: „Ratioaktiv“ – Reden 1914 bis 1965; Limes Verlag, Wiesbaden; 307 S., 26,– DM

zeigt den Schöpfer dieses gelungenen Titels ganz gewiß aktiv; aber es gibt viele Aktivitäten, progressive, regressive und außerdem noch irratioaktive.

Schon mit einer Rede Ende 1918 gehörte er zu denen, die die blutjunge Republik in Frage stellten; besser: nicht einmal in Frage, weil er eindeutig darauf hinwies, daß das Kaiserreich nur leicht changiert habe. Er sagte „zu den Geistigen in dieser Zeit“ (1930), was zu den Geistigen in unserer Zeit immer noch zu sagen wäre: Dialektik allein tut’s nicht.“ Wer oder was tut’s? Antwort: „Der politische Führer.“ Der muß auch „Psychologe sein und mit feinen Fingern Seelen-Plastiker“

Aber Hiller hatte wirklich keine „feinen Finger“, sondern schlug mit einem Knüppel auf die Pauke.