Athleten sind keine Helden

Von Adolf Metzner

Das ist die Anklage, die gern erhoben wird: Die Wissenschaft, speziell die Sportmedizin, treibe die Rekordsucht, indem sie immer perfektere Trainingsmethoden liefere, noch auf die Spitze; Methoden, die den Athleten noch mehr auspressen, noch mehr auslaugen und ihn in die Rolle eines Galeerensklaven drängen, der angeschmiedet an seinen Wahn zum seelenlosen Roboter würde.

Ist man aber etwas vertrauter mit der tatsächlichen Situation, so wird offenbar, daß dieser immer wieder erhobene Vorwurf gar nicht oder nur in sehr bescheidenem Ausmaß berechtigt ist. Nicht eine der neuen Trainingsmethoden, die jene Rekordflut, die gerade wieder über uns hereinbricht, erst ermöglichte, wurde von Wissenschaftlern sozusagen im Labor entwickelt; weder das Unterbrechungs- noch das Intervall- noch das Langzeittraining und auch nicht das Muskelkrafttraining. Sie alle wurden aus der Praxis heraus, also empirisch, „entdeckt“. Die Sportmedizin hat dann allerdings die physiologischen Grundlagen dieser Trainingsmethoden weitgehend geklärt.

Es wurden „physiologische Weltrekorde“ festgestellt, die uns die sportlichen Weltrekorde verständlich machen. Den „Weltrekord“ des größten Sportherzens hält ein Weltmeister im Straßenradrennfahren, der Belgier Rik van Steenbergen. Sein Herz, dessen Volumen röntgenologisch bestimmt wurde, ist weit über doppelt so groß als das einer untrainierten Normalperson. Über 1600 ccm wurden bei dem Belgier gemessen beziehungsweise errechnet.

Die größte Sauerstoffaufnahme pro Minute, die man bisher feststellte, wurde ebenfalls bei zwei Weltmeistern und Olympiasiegern ermittelt. Ein Berliner Rennruderer des siegreichen Vierers von Tokio erreichte 6,0 Liter gegenüber 5,9 Litern des schwedischen Skilangstreckenläufers Jernberg. Etwa 150 Liter Luft müssen von den Probanden hier in einer Minute ventiliert werden!

Jedermann weiß aber, daß zur Höchstleistung im Sport nicht nur ein Riesenherz (das übrigens nur die Ausdauersportler brauchen) und gewaltige Lungen, sondern auch der oft zitierte „Kampfnerv“ gehört. Die Leistung wird auch entscheidend von seelischen Faktoren geprägt. Diese entziehen sich aber der direkten Messung.