Ärzte sehen es nicht gerne, wenn der Laie, der als Patient zu ihnen kommt, mit zuviel medizinischem Wissen belastet ist. Sie fürchten, er könne zum Hypochonder, zum eingebildeten Kranken werden und obendrein noch versuchen, ihre Kenntnisse zu kontrollieren. Information ist eines der großen Schlagwörter unserer Zeit. Soll ausgerechnet auf dem Gebiet der Medizin der Mensch uninformiert, also unmündig bleiben? Kann Wissen schädlich sein?

Empirische Untersuchungen über das Verhältnis Arzt–Patient haben ergeben: Unter den Klagen, die in der Bevölkerung über das ärztliche Verhalten laut werden, steht der Vorwurf, daß sie zu wenig sagen, weit an der Spitze. Ein solches Verhalten provoziert natürlich die Gegenfrage: Was wissen eigentlich die Ärzte? Was leistet etwa der praktische Arzt in seiner Sprechstunde, der nach zuverlässigen Berechnungen im Durchschnitt für jeden Patienten nur drei Minuten Zeit hat?

Diese Fragen wurden auf der Berliner Tagung der Deutschen Gesellschaft für Sozialmedizin gestellt, sie konnten aber nicht beantwortet werden. Es fehlt an statistischen Erhebungen, die sich mit der ärztlichen Praxis beschäftigen. Wir wissen nicht, wie der frei praktizierende Arzt diagnostiziert und behandelt, wir kennen nicht die Fehlerquoten; es ist unbekannt, in welchen Fällen der Allgemeinpraktiker zum Facharzt überweist, welche Medikamente er verschreibt. Wenn wir erfahren, daß allein der praktische Arzt über 80 Prozent aller Leistungen im System der ärztlichen Versorgung erbringt, dann wird die von Sozialmedizinern erhobene Forderung nach einer quantitativen Analyse dieser Leistungen erst recht verständlich.

Eine gruppensoziologische Studie, die auf der Berliner Tagung vorgetragen wurde, ergab, daß der Ausbildungsstand und der Erfahrungsschatz des praktischen Arztes gerade von seinen Kollegen, den Fachärzten, sehr gering eingeschätzt wird. In einer umfassenden Befragungsaktion untersuchte das Kölner Institut für Mittelstandsforschung das Kommunikationsgefüge innerhalb der lokalen Ärzteschaft einer Universitätsstadt. Wesentliches Ergebnis war, daß 58 Prozent der praktischen Ärzte nicht am gegenseitigen beruflichen Erfahrungsaustausch teilnehmen. Viele von ihnen suchen zwar Kontakt, Rat und Unterstützung bei ihren Kollegen, den Allgemeinpraktikern und Fachärzten, werden aber ihrerseits nicht angesprochen. Sie sind innerhalb ihres Berufsstandes isoliert. Die fehlende fachliche Integration des praktischen Arztes in das lokale Konsultationsnetz offenbart den Statusverlust, den er in den Augen seiner Kollegen hinnehmen mußte.

Wie verhält sich nun der Patient angesichts dieser sich abzeichnenden Hierarchie des Ärztestandes? Mit welchen Symptomen geht er zu welchem Arzt, zu welchem Ratgeber? Die Skala der Möglichkeiten ist groß; verspürt er Halsschmerzen, so kann er sich ein Tuch um den Hals wickeln und das Bett hüten; er kann in die nächste Apotheke gehen und Tabletten kaufen; er kann aber auch den praktischen Arzt oder den Hals-Nasen-Ohren-Spezialisten konsultieren. Auf der Berliner sozialmedizinischen Tagung wurden viele gute Argumente dafür vorgebracht, daß die Entscheidung, die der Kranke schließlich fällt, in der Regel von Motiven bestimmt wird, die mit dem spezifischen Fall wenig zu tun haben. Sie sind meistens gesellschaftsbezogen. Ein so simpler Entschluß wie der Gang zum Zahnarzt hat nur in ganz akuten Fällen etwas mit dem tatsächlichen Zustand der Zähne zu tun. Das Interesse für Zahnpflege, Prothesen und ähnliches korreliert vielmehr direkt mit dem sozialen Rang, den man anstrebt oder erreicht hat. Seitdem Herbert Wehner Bundesminister geworden ist, häufen sich die Klagen des Fernsehpublikums über seine schlechten Zähne. Auf einer bestimmten gesellschaftlichen Ebene gehört die Zahnpflege zum sozialen Wertsystem.

Fremde, nicht sachgemäße Motive steuern also das Gesundheitsverhalten breiter Bevölkerungsschichten. Auf der Berliner Tagung wurde mehrfach betont, daß gesundheitspolitische Bestrebungen, die sich darauf beschränken, das medizinische Wissen zu vermehren, ziemlich sinnlos sind. Damit wird das Verhalten der einzelnen Bevölkerungsgruppen nicht beeinflußt, weder der Fatalismus, der Millionen täglich zur Zigarette greifen läßt, noch die Bequemlichkeit, die uns verleitet, Beruf und Freizeit möglichst unbewegt zu verbringen, noch die Eßlust, die vielen von uns etliche Lebensjahre kosten wird. Es besteht in unserer fortschrittlichen und zivilisierten Bevölkerung eine generelle Motivschwäche für vorbeugende und vorsorgende Maßnahmen. Dies gilt für die Altersvorsorge wie auch für die Prävention von Krankheiten.

Das bei uns gewährleistete Prinzip der freien Arztwahl erscheint so in einem ganz anderen Licht: Es schließt ja auch die Freiheit ein, nicht zum Arzt zu gehen, auch wenn es im Sinne der Prävention notwendig wäre. Die ärztlichen Standesorganisationen haben freilich wiederholt erklärt, daß die frei praktizierenden Ärzte bereit und in der Lage seien, Vorsorgeuntersuchungen durchzuführen. Nur – die Prävention hätte ihren Sinn verfehlt, wenn ausschließlich die Patienten, die sowieso zum Arzt gehen, etwas ausführlicher und systematischer untersucht würden. Eine allgemeine Vorsorge muß auch das Gesundheitsverhalten und den Gesundheitszustand der Schichten und Gruppen erfassen, die normalerweise nicht zum Arzt gehen.

Die Sozialmedizin hat sich dieser Aufgabe angenommen. Sie veranstaltet Reihenuntersuchungen, sie bedient sich statistischer Methoden und quantitativer Analysen. Der Computer ist ihr Hilfsmittel. Auf der Berliner Tagung wurde deutlich, daß die Hilfestellung, welche die Sozialmediziner den Ärzten, den Kliniken, den Gesundheitsämtern leisten können, vor allem methodischer Art sind. Die bisherigen Versuche zur „Gesundheitserziehung“ und zur „gesundheitlichen Volksbelehrung“ trugen allzusehr den Stempel eines fehlgeleiteten Missionarismus und eines moralisierenden Besserwissertums, sie zeigten keine meßbare Wirkung. Allein die Sozialtechnik gibt uns Mittel in die Hand, welche in das menschliche Motivationsgefüge eingreifen können. Auch die Ärzte können und sollen sich dieser Mittel bedienen. Joachim Teschner