Nach dem Erfolg von Genf demonstriert Europa jetzt zum zweitenmal, daß gemeinsames Handeln stark macht. In den Auseinandersetzungen um die Reform des Weltwährungssystems setzen die Länder der EWG Stück um Stück ihre Vorstellungen durch, die nicht unerheblich von dem Standpunkt der Vereinigten Staaten abweichen. Erst in London, dann am vergangenen Wochenende in Paris brachen sie einen Stein nach dem anderen aus der amerikanischen Bastion.

Mit einem Unterton der Resignation meinte der amerikanische Vertreter, Henry Fowler, vor seiner Rückkehr nach Washington, die erzielten Fortschritte müßten vertieft und konkretisiert werden. Das ist noch keine Anerkennung der Vorschläge, die das seit 23 Jahren unveränderte System von Bretton Woods modifizieren sollen. Noch einmal, Ende August, wird die sogenannte Stellvertretergruppe des Clubs der Zehn (der wichtigsten Industrie- und Währungsländer der freien Welt) in London zusammenkommen müssen, um die endgültige Form der Änderungen zu beschließen, die dann auf der Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds im September in Rio de Janeiro sanktioniert werden müssen.

Erstmalig waren die EWG-Länder bei den Genfer Zollverhandlungen der Kennedy-Runde gemeinsam aufgetreten; statt sechs Kontrahenten stand den Amerikanern nur ein Partner gegenüber. Die Fortschritte, die jetzt bei den Währungsverhandlungen in greifbare Nähe gerückt sind, bestätigen den Erfolg von Genf. Ein gemeinsam handelndes Europa ist durchaus in der Lage, sich auch gegen die Großmacht Amerika zu behaupten.

Seit vier Jahren wird um die Reform des Systems gekämpft, das nach dem Zweiten Weltkrieg den Wiederaufbau eines freien Welthandels ermöglichte und damit zu der raschen Überwindung der schlimmsten Kriegsfolgen auf wirtschaftlichem Gebiet beigetragen hat. Eines allerdings ließ sich schon bald nicht mehr übersehen: Der Welthandel stieg schneller als die Währungsreserven der an diesem Handel beteiligten Länder. Anfang der sechziger Jahre war die Gefahr nicht mehr von der Hand zu weisen, daß die zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel eines Tages nicht mehr ausreichen könnten, die Defizite im Außenhandel einzelner Länder solange zu finanzieren, bis sich die Handelsbilanz wieder ausgeglichen hat.

Manche Experten glauben, daß der stark steigende Welthandel – 1965 stieg er um mehr als sieben Prozent – zu einer bedrohlichen Liquiditätsklemme führen könnte, weil die Währungsreserven nicht im gleichen Ausmaß zunehmen; sie erhöhten sich im Durchschnitt der letzten 15 Jahre nur um 2,6 Prozent. Diese These ist allerdings umstritten. In der Tat hat es bisher noch keine Liquiditätsschwierigkeiten gegeben. Allerdings läßt sich nicht übersehen, daß die Währungsreserven der Mitgliedsländer 1951 noch 67 Prozent der Einfuhren deckten, 1965 dagegen nur noch 43 Prozent.

Die Dauer der Diskussion ist nichts ungewöhnliches. Allein der Entwurf zu dem heutigen Weltwährungssystem brauchte mehr als zwei Jahre, um zu teilen. Die jetzt geplante Reform des Systems wurde noch dadurch erschwert, daß sie allzufrüh zu einer Frage der hohen Politik gemacht wurde; vor allem deshalb, weil sie schon sehr früh in das Schußfeld der Reibereien zwischen Frankreich und Amerika geriet.

Das westliche Währungssystem beruht auf dem Golddevisenstandard, in dem der Dollar die dominierende Rolle spielt. Über ihn sind die übrigen Währungen an das Gold gekoppelt. Angesichts des andauernden Zahlungsbilanzdefizits der USA ist der Dollar zum Zankapfel geworden.