Von Heinz Michaels

Professor Gerhard Höltje, Sprecher des Lufthansa-Vorstands, ist verärgert. „Ich habe den Eindruck, daß man uns den Schwarzen Peter zuschieben will.“ Gemeint ist: Die Deutsche Lufthansa AG soll der Prügelknabe sein, falls das britisch-französisch-deutsche Gemeinschaftsprojekt eines europäischen Airbusses doch noch scheitert.

Die britische Presse, allen voran die „Financial Times“, hatte in der letzten Woche Zweifel geäußert, ob die Lufthansa das von der europäischen Luftfahrtindustrie geplante und von den Regierungen geförderte Großraumflugzeug mit 250 bis 300 Plätzen kaufen werde. Dabei fehlte nicht der Hinweis, daß die Lufthansa heute eine reinrassige Boeing-Jetflotte fliegt.

Als sich die Minister Englands, Frankreichs und der Bundesrepublik am 25. Juli in London auf eine „Denkschrift des Einverständnisses“ geeinigt hatten – sie soll am 15. September von den Regierungen unterzeichnet werden –, das Airbus-Projekt zu starten, hieß es auch, daß man die Bestellung von 75 Flugzeugen durch die drei nationalen Luftfahrtgesellschaften erwarte.

Der Lufthansa-Vorstand reagierte kühl: „Die Lufthansa wird zu der Zeit, zu der sie ein Mittelstreckenflugzeug hoher Sitzplatzkapazität braucht, alle dann vorhandenen Angebote prüfen. Sie wird sich für das Flugzeug entscheiden, das technisch und wirtschaftlich am besten geeignet ist.“

Die Lufthansa meint, daß sie solch ein Flugzeug etwa 1975 braucht. Mit der Entscheidung könnte sie sich also bis 1971/72 Zeit lassen. Sollten die Regierungen allerdings die Bestellung durch die nationalen Gesellschaften zur Bedingung für die Airbus-Entscheidung machen, müßte die Lufthansa bereits im nächsten Jahr ihr Votum abgeben. Dann läuft die erste, jetzt beschlossene Projektphase aus, in der die beteiligten Firmen die genauen Pläne ausarbeiten; und dann müssen die Regierungen grünes Licht für die zweite Phase, den Bau von Prototypen, geben.

Mit dem Airbus will die europäische Luftfahrtindustrie versuchen, Anschluß zu halten an die Entwicklung in Amerika und in der Sowjetunion, wo die ersten Großflugzeuge – von den Amerikanern „Jumbos“ getauft – entstehen. Den Anstoß zum Bau der „fliegenden Elefanten“ gaben die Militärs.