Johannes Brahms: „Sinfonien Nr. 1 c-moll, Nr. 2 D-dur (+ Tragische Ouvertüre), Nr. 3 F-dur (+ Akademische Festouvertüre), Nr. 4 e-moll“; Philharmonia Orchester London, Leitung: Otto Klemperer; Columbia Electrola SCM 91 631/34, je 25,– DM

Welch ein Gefühl muß es für den nun dreiundachtzigjährigen großen alten Mann sein, mit den klassischen und romantischen Meisterwerken die Summe seiner künstlerischen Existenz zu ziehen. Einstmals eine der Säulen der musikalischen Avantgarde, bekennt sich Otto Klemperer heute zu Mozart, Beethoven, Bruckner, Mahler und Brahms. Electrola hat jetzt die mit dem glänzend disponierten Londoner Philharmonia Orchester vor einigen Jahren eingespielten vier Brahms-Sinfonien noch einmal mit tontechnischer Akkuratesse überarbeitet und auf den Markt gebracht (draufzu gibt’s die Tragische Ouvertüre und die Akademische Festouvertüre).

Der letzte Dirigent einer Generation, für die die Entfaltung der Persönlichkeit noch keinen Widerspruch zur Akribie einer Werktreue bedeutete, die heute in ihrer akademischen Pedanterie der Partitur eher untreu ist, huldigt einer Brahms-Interpretation, wie sie mit ihm und auf der gleichen höchsten Stufe Furtwängler, Walter und Schuricht vertreten haben: Profilierung des Klanges, Form durch den optimalen Einsatz des persönlich geprägten Gefühls im Rahmen dessen, was die Noten erlauben oder besser fordern.

Klemperers Brahms bedeutet Erfüllung, das heißt: dramatisch-gespanntes Musizieren in verhaltenen Tempi, ein schier unendlicher Atem, der den melodischen Linien Kraft und Kontur gibt, explosive Stauungen und Entladungen, wie sie nur ein außerordentlicher Dirigent aus der Partitur herausliest. Adorno hat in seiner Toscanini-Studie dessen Wiedergabe einer Stelle im langsamen Satz der vierten Sinfonie mit dem Bemerken gerügt, sie ermangele der Transzendenz. Das hätte er Klemperer nicht vorwerfen können: Sein musikalischer Ausdruck „transzendiert“ in jedem Takt, im kleinsten Motiv der sechs Stücke.

Hans Otto Spingel