Von Horst Krüger

Trotz aller Beschädigungen lebt in Berlin eine freie Gesellschaft. Sie versucht es zu bleiben. Eine neue Generation reagierte hart auf die Erstarrungen der Alten. Der Frontstadtgeist blühte am stärksten von der Blockade bis nach dem Bau der Mauer – Adenauers große Zeit: Berlin mußte für seine Erfolge im Westen zahlen. Seit den ersten Passierscheingesprächen bemüht man sich wieder an manchen Stellen um eine Öffnung nach links. Zitadellen des Nonkonformismus bilden sich, Kleinkrieg der Partisanen, die die Stadt lieben und wieder politisch lebendig zu machen versuchen.

Die „Schaubühne am Halleschen Tor“ etwa experimentiert seit einigen Jahren mit einem linken Spielplan. Sie spielen hier Brecht und Hacks nach den Regiemustern des Berliner Ensembles. Sie spielen gegen die alten Damen vom Renaissance-Theater an.

Das „Reichskabarett“ versucht, die öde Amüsierfreundlichkeit der Berliner Stammkabaretts zu durchbrechen. Sie spielen mit scharfer und böser Zunge, intelligent und aktuell, und haben Geldsorgen. Das „Reichskabarett“ wird vom Senat nicht gefördert. Der Senat will keine Karten: danke.

Es gab zwei Versuche, eine lesbare Zeitung für Westberlin zu machen. Beide scheiterten.

Es gibt seit kurzem einen „Republikanischen Club“ (e. V.), der in vornehmen Räumen ein linkes, politisches Bewußtsein zu fördern verspricht.

Es gibt die Studenten von Westberlin, die für Schlagzeilen in der Presse sorgen. Unter den Aktivisten der FU ist die kleine, berüchtigte Chinesenfraktion bekanntgeworden. Maoisten am Kurfürstendamm, die für Wohnkommunen, freie Liebe und gegen die DDR sind, weil Ulbricht ein Revisionist sei.