Der amerikanische Negerschriftsteller James Baldwin, bei uns vor allem durch seine Romane („Eine andere Welt“, „Giovannis Zimmer“, „Gehe hin und verkünde es vom Berge“) bekannt, nannte den härtesten seiner Essays zum Rassenkonflikt in den Vereinigten Staaten „The Fire Next Time“ – das nächste Mal Feuer. Daß das keine Metapher war, zeigt sich spätestens in diesen Tagen, da seine Voraussage in Detroit und anderswo buchstäblich in Erfüllung geht. Vor einigen Wochen, als Russells Vietnam-Tribunal in Stockholm tagte, machte Baldwin seine Meinung zu dem Verhältnis zwischen den weißen und den farbigen Völkern noch einmal in aller Schärfe klar, vor allem in Hinblick auf Amerikas Engagement in Südostasien. Unseres Wissens ist der in Istanbul entstandene Artikel noch nirgends veröffentlicht worden; wir drucken ihn hier, gekürzt nur um einige Sätze, die sich unmittelbar auf das Stockholmer Tribunal bezogen.

Trotz meines etwas heiklen Rufes hatte ich nie Interesse daran, Amerika von außerhalb anzugreifen. Ich weiß, wenn ich das sagen darf, zuviel über die komplexen europäischen Motive, von denen Neid und Zorn nicht die geringsten sind. Schuldig ist die gesamte westliche Welt.

Sollte ich den Versuch machen, die westlichen Mächte für die Verbrechen anzuklagen, die sie gegenwärtig in Rhodesien, Angola, Südafrika begehen, um nur diese zu nennen; sollte ich versuchen, die Aufmerksamkeit der Welt auf das tatsächliche Ziel und das tatsächliche Ergebnis jener Verträge zu lenken, die Europäer, die noch keine Amerikaner waren, mit den Indianern Amerikas schlossen; ganz zu schweigen von dem, was den Negern widerfuhr und worüber wir zugleich zuviel und zuwenig wissen – dann würde ich zweifellos auf die gleiche Opposition seitens der westlichen Mächte stoßen, auf die Lord Russells Tribunal gestoßen ist. Und aus dem gleichen Grund: Ein solcher Versuch stellte nicht nur die wirkliche Moral der westlichen Welt in Frage, er griffe auch an, was diese Welt für ihre wesentlichen Interessen erachtet. Ein solches Tribunal sollte in Harlem, USA, tagen. Niemand könnte sich dann den schlimmen Implikationen des moralischen Dilemmas entziehen, in das die Fakten der westlichen Geschichte die westliche Welt gebracht haben.

Ich spreche als amerikanischer Neger. Ich fordere jeden Lebenden heraus, mir zu sagen, warum irgendein schwarzer Amerikaner in jene Dschungel gehen sollte, um Menschen zu töten, die nicht weiß sind und die ihm nie etwas zuleide getan haben – in Verteidigung eines Volkes, das jenen fremden Dschungel oder jeglichen anderen Dschungel in der Welt zu einem wünschenswerteren Dschungel gemacht hat als den, in dem er geboren wurde und in den er, falls er überlebt, unweigerlich zurückkehren wird.

Ich möchte auch erfahren, wieso ein Volk, das zeugen, daß ein Volk, das in seinem eigenen Land nichts der Freiheit ähnliches hervorgebracht hat, bevollmächtigt ist, mit Bomben ein anderes Volk zu befreien, das es gar nicht kennt, das eher mir gleicht – den es gar nicht kennt.

Ich fordere jeden Amerikaner heraus, und besonders Lyndon Johnson und Hubert Humphrey und Dean Rusk und Robert McNamara, mir und der schwarzen Bevölkerung der Vereinigten Staaten zu verraten, wie sie Südostasien befreien wollen, wenn sie doch noch nicht einmal ihre Brüder – ich wiederhole: Brüder – befreien können und nicht gelernt haben, mit ihnen zu leben.

Ich fordere sie heraus, mir zu sagen, mit welchem Recht und in wessen Interesse sie sich herausnehmen, die Weltpolizei zu spielen, und ich wünsche des weiteren zu wissen, ob sie es gerne sähen, wenn ihre Schwestern oder Töchter Männer aus jenem Volk heirateten, für dessen Rettung sie so angestrengt kämpfen.