Peter Kühn: Das geht uns alle an. Ein Buch zum Lesen, Lernen und Nachdenken, um sich dann eine eigene Meinung zu bilden. 237 S. Heckners Verlag, Wolfenbüttel, 8,80 DM

Das Buch will, laut Vorwort, „der Jugend helfen, mündige Staatsbürger zu werden“. Dazu gehört, wie der Verfasser betont, Information und eine demokratische Haltung, die sich in Achtung vor der Meinung anderer, in Mitverantwortung und „aufbauender Kritik“ äußert. Das Vorhaben ist also lobenswert (wenn auch das Wort von der „aufbauenden Kritik“ fatale Erinnerungen weckt). Wie nun ist aber die Ausführung?

Das Buch ist in sechs Abschnitte gegliedert: der Mensch, die Wirtschaftsordnung, die Rechtsordnung, die Staatsordnung, Ideologien, Es geht um unsere Zukunft. Wie steht es dabei mit der Information? Ich greife das Kapitel „Antisemitismus“ im Abschnitt „Ideologien“ heraus. Es wird definiert: „Unter A. verstehen wir die uralte Feindschaft gegen die Juden ... Schon im vorchristlichen Zeitalter gab es eine weltweite Zerstreuung der Juden und einen weltweiten Haß gegen die Juden“. Und später nochmals: „Die Feindschaft gegen die Juden ist uralt“ – und es folgen in zwanzig, Zeilen einige Gründe mit der von Jugendlichen kaum zu durchschauenden Eingangsbemerkung: „Die Hauptursache liegt oft tief in der menschlichen Seele verborgen.“

Im Abschnitt „Im Feuerofen“ (eine Seite) finden wir dann: „Der weitaus größte Teil der Deutschen hat nicht gewußt, was geschah. Wir hören auch, daß Tausende versucht haben zu helfen.“

So wie dieses ganze Kapitel als oberflächlich und klischeehaft bezeichnet werden muß, ist das ganze Buch. Dabei soll gern zugegeben werden, daß es unendlich schwer ist, auf gedrängtem Raum eine einigermaßen gründliche Information zu geben, aus der sich ein Jugendlicher eine „eigene Meinung“ bilden kann. Das mindeste aber wäre, daß auf weiterführende Lektüre hingewiesen würde – im Falle des Antisemitismus etwa auf Wanda Kampmann (Deutsche und Juden, Heidelberg 1963). In der Einleitung dieses Buches heißt es: „Mit der Berufung auf den ‚uralten Judenhaß‘ kommt man in die Gefahr, das ungeheuerliche Geschehen der Ausrottung als die verbrecherische Übertreibung eines traditionellen Haßgefühls zu ‚erklären‘ und es einigermaßen verständlich einzuordnen in die Geschichte der Verfolgungen, die es immer gegeben hat.“

Auch andere „Informationen“ sind unzulänglich. Was über Wilhelm 11. gesagt wird, ist mehr als dürftig; die „Dolchstoßlegende“ wird ohne scharfe Zurückweisung aufgewärmt, und selbst bei den Ursachen des Unterganges der Weimarer Republik wird eine der wichtigsten nicht genannt: die verhängnisvolle Rolle der deutschen Intelligenz.

Dennoch fürchte ich, wenn es so etwas wie einen Durchschnittsdeutschen gäbe, so wäre ihm dieses Buch aus dem Herzen geschrieben. Gerade deshalb muß deutlich gesagt werden, daß es weder genügend Informationen gibt, noch hinreichend zur Bildung eigener Meinung herausfordert. Nirgendwo sind Dokumente. So ist es ein überflüssiges, ein ärgerliches Buch. A. B.