Berlin

Bisher war es die Dauerwurst, die für die robusten Spezialitäten der westfälischen Stadt Arnsberg zeugte. Jetzt ist es der Stahlbauschlosser Rudi. Rudi wurde um 8 Uhr 05 am vergangenen Sonnabend Weltmeister im Dauer-Beat. Montags um 20 Uhr hatte er im Tanzlokal „closed eye“ an der Bundesallee zu tanzen begonnen. Nach den ersten zwanzig Stunden sagte Rudolf Friedrich: „Ich hab so ne irre Kondition.“

Ungebremst, nur selten ging er beatend „auf das Örtchen“, tanzte Rudi – 20 Jahre alt –, alle seine Schrittmacher nieder. „Wie machen Sie das?“ Dem Arnsberger, kleinwüchsig wie viele Großen der Tat, perlte der Schweiß: „700 Kilometer Waldlauf in sechs Wochen, jeden Abend zwei Stunden Schwimmen.“

Sein Tatort war ein quadratisches Podest mit Polyesterplatte, bespannt mit einem weißen Laken, auf dem er allein trieb wie auf einem Floß. Manchmal ließ er sich eine Wasserwanne kommen, um die heißen Füße wieder frisch zu treten. Hatte er Hunger, so biß er in gebutterten Zwieback. Tänzelnd nahm er auch die Hauptmahlzeiten ein: Risotto, gestückeltes Fleisch. Er tanzte auch, wenn er sich die Zähne putzte und den Schaum vor dem Mund fürs Fernsehen noch einmal aktivieren mußte. Rudi war geduldig und nicht sparsam mit den Kräften. „Was sagt der Hausarzt?“ „EKG, Blutdruck, alles stimmt.“ Im Schwächefall würde Frau Doktor Kraetz angerufen, erklärte Manager Schützendübel.

Im „closed eye“, das zu deutsch „geschlossenes Auge“ heißt und sonst eine harmlose Kinderhölle mit Coca-Cola-Stimulanz und Polizeistunde um Mitternacht ist, schloß sich, als Rudi vor sich hin tanzte, die ganze Woche über nie mehr die Tür. Rudi hielt sich an Vitamin C und sein Ziel: Marathon-Beat, Weltmeisterschaft, raus aus der Horde, rein in die Einmaligkeit. Nach hundertsieben Stunden und fünf Minuten, in Berlin begann wieder ein Rekordtag in Schwüle, kapitulierte Rudi vor den Geistern, die er gerufen hatte: Er hörte auf und war nur noch mit schmerzhaftem Aufwand fähig, den Siegersekt zu trinken. Er bekam Blumen, einen Klagebrief von seiner Mutter – „Ist das nicht ein bißchen viel für dich?“ – und das Kündigungsschreiben seiner Arbeitsstelle, dem Berliner Studentenwerk, welches es nicht angehen lassen wollte, daß sein Betriebsschlosser dem Ruin entgegen tanzte, wärend dieser vorgab, krank zu sein.

Was hat er jetzt, der Rudi, der seine Mutter betrübte und zehn Pfund Lebendgewicht verlor? Etwa 3500 Mark Kopfgeld für seinetwegen erschienene Gäste: Pro Gast eine Mark. Und im Archivmaterial über Rekorde wird er unter den Dauertänzern den Platz vor dem Argentinier Carlos Sandrini einnehmen, dessen Ruhm in einem Rhythmus auf 106 Stunden und fünf Minuten basiert. Marie-Luise Scherer