Im Herbst des Jahres 1952 sah ich in Düsseldorf eine Ausstellung Kleinplastiken des Bildhauers Karl Hartung: ruhige, zumeist liegende Formen, weibliche oder vegetative, die auf jeden Oberflächenreiz verzichteten; bis auf das endliche Maß geschliffen, beanspruchten sie Raum, zwangen sie den Beschauer zur Unruhe, boten sie rundum Ansicht. Ich war damals Schüler – denn Bildhauer und Maler studieren nicht – der Kunstakademie Düsseldorf, doch sah ich meinen Lehrer selten; dabei bedurfte ich eines Lehrers.

Ich schickte Zeichnungen und Photos von Plastiken nach Berlin. Hartung, Professor an der Hochschule für bildende Künste, sagte zu: Vom Januar 53 bis zum Sommer 56 arbeitete ich im Schüleratelier des Bildhauers Karl Hartung. Gleich am ersten Tag kaufte ich mir eine Bratpfanne, Zwiebeln und ein Pfund grüne Heringe. Im Atelier stand eine elektrische Kochplatte. Jemand sagte: „Da liegt Margarine.“ Ich zeichnete die Heringe, bevor ich sie in die Pfanne legte. Als es über Ton, Gips und leicht faulige Tonlappen hinweg nach Fischküche zu riechen begann, betrat Karl Hartung das Atelier. Er begrüßte mich: „Kochen Sie oft?“

„Täglich.“

Wir tasteten uns ab nach Kochrezepten. Meine Heringzeichnung erfuhr Kritik: „Die haben keine Gräten. Wo Sie genau hinsehen sollten, haben Sie Ornamente erfunden. Ein Hering ist mehr, als Sie erfinden können. Natur – und doch bewußt.“

Diese vier Wörter – mehr Devise als Satz – waren das künstlerische Credo eines Arbeiters, der, überreich an Formen, Strukturen und visionären Entwürfen, der Erfinderin Natur gegenüber still wurde, hinschaute, wortkarg verzückt, als wäre er bereit gewesen, sein gesamtes Werk hinzugeben für die schöpferische Vielfalt einer Langustenschere, für einen vom Wasser mit Hilfe der Zeit geformten Stein, für den plastischen Reichtum der menschlichen Kniescheibe.

Karl Hartung konnte erstaunen. Am späten Vormittag betrat er, zur Korrektur, unser Atelier, grüßte knapp das Modell und starrte auf die Kniescheibe des Standbeines, als hätte er diese genau begrenzten Abläufe zum erstenmal gesehen. Was wir während Stunden mit dem Modellierholz bewegt hatten, nannte er knochenlose Oberflächenartistik; mit wenigen Schnitten der Schlinge legte er einen plastischen Ansatz frei, den wir, gleich darauf, fleißig wieder zupappten.

Hingucken, nicht auswendig fummeln.