München, im August

Vier Männer trafen sich um 17 Uhr am Wirtshaustisch des Münchener Vorstadthotels Raab in der Ismaninger Straße, die geradewegs in die Gegend führt, wo Bayerns schönste Krautköpfe wachsen. Zwei Stunden lang tranken sie Bier, die vier Mitglieder des Landesvorstandes der Bayernpartei, und haderten mit ihrem Schicksal. Aber dann liquidierten sie ihre Partei doch nicht, sondern machten den Erdinger Landrat Simon Weinhuber zum kommissarischen Landesvorsitzenden. Der letzte aufrechte Streiter soll das weiß-blaue Banner noch ein bißchen in den Wind halten. Wie lange, weiß nicht einmal Weinhuber selber.

Von den zwei stellvertretenden Landesvorsitzenden, die an Raabs Biertisch saßen, war nur noch Weinhuber vorzuzeigen. Er hatte sich aus dem Streit herausgehalten, der zwischen dem letzten Landesvorsitzenden, dem 36jährigen Oberregierungsrat Dr. Helmut Kalkbrenner, und dem anderen Stellvertreter, dem Münchener Kriminalpolizisten Ludwig Max Lallinger, ausgebrochen war und der die Partei ihren Chef kostete. Während Kalkbrenner den Namen „Bayerische Staatspartei“ ins Münchener Vereinsregister eintragen ließ, um den weiß-blauen Haufen unter dem neuen Begriff eines Tages wieder zu Erfolgen zu führen, wurde ihm dies von Lallinger als „Schlußpunkt eigenmächtiger und undemokratischer und parteischädigender Handlungen“ angekreidet.

Lallinger bezeichnete Kalkbrenners Regime als „autoritär“. Erinnerungen wurden wach an die Zeiten, die kaum ein Jahr zurückliegen. Damals schlossen sich die Vorstandsmitglieder gegenseitig aus der Partei aus. Nur regierte diesmal der sogenannte Zufall: Zufällig ging – der Streit hatte gerade seinen Höhepunkt erreicht – bei der Kriminalpolizei eine Anzeige ein, wonach Kalkbrenner sich in einer Sauna einem Jüngling genähert haben sollte. Zufällig war die Anzeige anonym. Zufällig erfuhr Lallinger davon. Kalkbrenner empörte sich: „Mit solchen Mitteln wird gegen mich gearbeitet.“ Er bezeichnete die Vorwürfe als „übelste Verleumdung“ und warf der Partei sein Amt vor die Füße. Anschließend verfaßte er einen zweieinhalb Seiten dünnen Abschiedsgesang: „Gott schütze Bayern.“ Zufällig gelangte die Staatsanwaltschaft erst nach Kalkbrennen Rücktritt zu einem Ergebnis – sie stellte die Ermittlungen ein: „Kein begründeter Verdacht auf das Vorliegen strafbarer Handlungen.“

Kalkbrenner ging freilich nicht, ohne vorher eine volle Breitseite gegen Lallinger abzuschießen. Das Verhalten des Kriminalpolizisten sei der „Amoklauf eines verbrauchten Politikers“. Ohne Wissen der Parteispitze habe Lallinger sich sogar hinter Bayerns christlich-sozialen Landtagspräsidenten Rudolf Hanauer gesteckt, um zu verhindern, daß die Bayernpartei im Falle der Umbenennung in „Bayerische Staatspartei“ noch Geld aus dem staatlichen Parteientopf abkassieren könne. Den Getreuen mußte das als weißblaue Todsünde erscheinen. Hatte doch ihr Landesausschuß mit Lallingers Stimme erst im vergangenen Herbst die „Untragbarkeit“ des Landtagspräsidenten wegen verschiedener Affären beschlössen.

Andererseits gilt der Kriminalpolizist Lallinger gewissermaßen als Urvater der Partei, die im 28. Oktober 1946 in der Münchener Gastwirtschaft „Straubinger Hof“ gegründet worden war. Von den christlich-sozialen Brüdern wird dem Urvater jedoch noch ein Vorvater zugeordnet: der damalige SPD-Ministerpräsident Wilhelm Hoegner. Er soll, allen Dementis zum Trotz, Lallinger zur Parteigründung angestiftet haben, um der CSU Stimmen abzujagen.

Den Stimmenfang betrieb die Bayernpartei zunächst in reichlichem Maße. Bei den ersten Bundestagswahlen 1949 entschieden sich nahezu 990 000 Wähler für die krachlederne BP; 17 Abgeordneten zogen in bayerischen Trachtenanzügen in den Bundestag. Bei den Landtagswahlen 1950 wurden sogar 1,6 Millionen Stimmen erreicht und 39 Abgeordnetensitze im Münchener Maximilianeum besetzt. Die CSU, die heute im Parlament die absolute Mehrheit besitzt, brachte damals nur 64 Abgeordnete durch, die SPD 63. Die Bayernpartei zog gegen den Bonner Zentralismus zu Felde, für eine eigene bayerische Staatsangehörigkeit und gegen Mischehen zwischen Preußen und Bayern, die von dem heute 84jährigen Parteikämpen Jakob Fischbacher als eine „bluats Schand“ deklariert wurden.