Von Nina Grünen berg

Krefeld

Völkerverständigung erhebt, schon wenn sie en gros beschworen wird, die Herzen; wenn die Redner-Phrase aber ehrlichen Herzens wörtlich genommen und en détail befolgt wird, dann bleibt das Auge nur mit Mühe trocken und nichts rettet vor diesem Fest verlegener Rührung: In Krefeld lieben dreißig junge Amerikaner aus dem US-Staat Indiana dreißig deutsche Ehepaare und nahmen sie ohne Arg für zwei Monate an Elternstatt an. Sie sagen „Vater“ und „Mutter“ und „mein kleiner Bruder, der ist vielleicht süß“.

Aber auch die Krefelder, in deren Hände die Indiana University in diesem Jahr zum vierten Male ihre „Sommer-Akademie für deutsche Sprache und Kultur“ legte, lieben ihre high-schoolstudents aus dem amerikanischen Mittelwesten herzlich und haben in den vergangenen Jahren schon manches Taschentuch mit ihrem Abschiedsschmerz genäßt.

Freundschaften zwischen Ausländern und Deutschen werden auch in anderen Orten der Bundesrepublik gepflegt, aber selten wurde für dieses völkerverständigende Aha-Erlebnis „Wir sind ja alle nur Menschen“ eine solidere Basis geschaffen. Für die amerikanischen Initiatoren sind Gefühle eine erwünschte Zutat, wenn sich die Liebe in Grenzen hält: „No dating“ wurden die Sechzehn- und Siebzehnjährigen noch in Indiana vergattert, bevor sie sich auf ihre erste Reise nach Europa machten. Noch eine andere deutsche Eigenart wurde ihnen nahegelegt: „Immer schön die Türen schließen.“

Aber vor allem gilt, und zwar für Gäste und Gastgeber: No english. Die Verständigung ist einseitig deutsch, auch unter den Schülern. Krefeld ist für die Amerikaner ein Lernprojekt für Oberschüler aus Indiana, die mindestens schon drei Jahre deutsch gehabt haben. Ihre Qualifikation wird – unabhängig von den Referenzen der Schule – von der Indiana University getestet, die die Auslese trifft und für die Sommerakademie verantwortlich zeichnet. Diese für deutsche Verhältnisse ungewöhnliche Zusammenarbeit zwischen Universität und Oberschule dient einem sehr realen Zweck: Die Universität will mit den Sommerakademien – in Mexiko hat sie noch eine für spanisch, in der Bretagne für französisch – das Interesse der Schüler für Fremdsprachen wecken.

Vor fünf Jahren hatten sich die Amerikaner für ihre erste deutsche Akademie Trier ausgesucht: Sie wollten keine Universitätsstadt, keine Großstadt, sondern eine Gemeinde, die für die Schüler in zwei Monaten überschaubar war. Doch Trier war schief gegangen: Private Bürgerinitiative hatte nicht ausgereicht, um auch die Gemeinde für die amerikanischen Schüler zu interessieren.