Von Peter Martin Roeder

Prof. Dr. P. M. Roeder ist Ordinarius für Erziehungswissenschaften an der Universität Hamburg

Die theoretische Diskussion über die Grundlagen unserer Ordnung und über das Verhältnis der hochentwickelten kapitalistischen Länder zu den sozialistischen und Entwicklungsländern ist in den vergangenen Wochen mit wachsender Intensität geführt worden – wiederum fast ausschließlich unter Studenten, zumal denen der Berliner FU.

Angesichts des Samtpfoten-Pragmatismus unserer offiziellen Politik der kompromittierenden Koalitionen ist allein diese Tatsache bemerkenswert genug; und selbst wer die Konzepte mancher Berliner SDS-Gruppen für falsch hält, wird zugeben müssen, daß sie die richtigen Fragen präzise stellen als andere.

Darin liegt wahrscheinlich einer der Gründe für die Solidarität vieler Studenten trotz abweichender Auffassungen, wenngleich schwerwiegendere in der persönlichen Erfahrung der Demonstranten zu suchen sein werden: Das sicherste Mittel, sich von der Existenz einer Machtelite zu überzeugen, sei, sie anzugreifen, Int C. Wright Mills bemerkt.

Je klarer in diesen Wochen die theoretischen Standpunkte fixiert wurden, desto schärfer traten freilich ideologische und taktische Differenzen auch innerhalb jener Studentengruppen zutage, die hier als „radikal“ bezeichnet werden.

Die erste und an den meisten Universitäten der Bundesrepublik wahrscheinlich größere der beiden Hauptgruppen wendet sich aufklärend und agitierend sowohl an die Öffentlichkeit und die Studentenschaft selbst als auch an jene Organisationen, die das politische Leben der Bundesrepublik tragen: an Parteien, Gewerkschaften und Behörden. Ihre Ziele sind egalitär-demokratisch und damit wesentlich antikapitalistisch: Abbiu hierarchischer Strukturen in Wirtschaft, Verwaltung und Bildungswesen, Verstaatlichung der großen Industrie, Lösung aus der wirtschaftlichen und außenpolitischen Abhängigkeit von den USA und Neuorientierung im Verhältnis zu den sozialistischen und Entwicklungsländern. Zur Durchsetzung ihrer Ziele sucht sie Kontakte mit sozialistischen Gruppen innerhalb und außerhalb der Parteien und Gewerkschaften, aber auch zu studentischen und außeruniversitären Organisationen, die zwar ihre ökonomischen Konzepte nicht billigen, ihre Forderungen nach Demokratisierung jedoch unterstützen.