Der Erfurter Weltrekordläufer Jürgen May ist in die Bundesrepublik geflüchtet. Anfang dieses Jahres war der Thüringer vom Leichtathletik-Verband der DDR auf Lebenszeit „gesperrt“ worden, weil er eine Werbezuwendung einer westdeutschen Sportschuhfabrik im vergangenen Herbst in Budapest bei den Europameisterschaften angenommen hatte. Dort heimste der Weltrekordinhaber über 1000m auch nicht die von der „Republik“ erwarteten Medaillen ein.

Die Funktionäre statuierten ein Exempel: Westkontakte und Mißerfolg – das war zuviel! 10 000-m-Europameister J. Haase, der die gleiche Summe vom früheren westdeutschen 1500-m-Meister Eyerkaufer als Werbeprämie erhielt, zeigte Reue, gab das Geld am gleichen Tag zurück und kam ohne Strafe davon. Westkontakte plus Erfolg – das wird offenbar noch toleriert.

Jürgen May verlor seine Stelle als Sportjournalist, man bedeutete ihm, daß alle Redaktionsstuben in der DDR ab sofort für ihn verschlossen wären. Alle Sonderzuwendungen für Spitzensportler, die ein Vielfaches der Summe der westdeutschen Schuhfabrik ausmachten, wurden eingestellt. Der Erfurter erlebte den tiefen Sturz vom staatlich gehätschelten Star mit eigenem „Wartburg“ zum anonymen DDR-Bürger, der mühsam sein Leben fristen muß. Jetzt hat ihn sein Freund Karl Eyerkaufer, der von Skrupeln geplagt worden war, in einer meisterhaft geplanten und inszenierten Flucht in den freien Teil Deutschlands geholt.

Daß Jürgen May in Mexico City für die Bundesrepublik starten wird, ist allerdings sehr unwahrscheinlich, da der Internationale Leichtathletik-Verband die nach den Buchstaben der Amateur-Bestimmungen erfolgte Sperre nicht ohne weiteres aufheben dürfte. A. M.