Von Renate Koch-Bause

Angesichts des Nahost-Konfliktes erschien eine Balkanreise zu dem von der Staatlichen Bulgarischen Konzertdirektion zum drittenmal veranstalteten „Internationalen Wettbewerb für junge Opernsänger“ nicht gerade verlockend, und nur zögernd wird sich manches Mitglied der Jury oder auch mancher Sänger zur Teilnahme entschlossen haben.

Mit der Eröffnungsfanfare jedoch – Don Joses „Carmen“-Melodie vom „Mann aus Alcala“ – trat die Politik in den Hintergrund, sie war durch die hermetische Isolierung von der Außenwelt jenseits des eisernen Vorhangs zwangsläufig ohne Wirkung: Westliche Zeitungen gibt es nicht in Sofia, Telephon und Post funktionieren als Nachrichtenmittel nur mühselig oder gar nicht, und wer spricht schon bulgarisch?

So fand dieser inzwischen berühmt gewordene Wettbewerb, dem so bedeutende Stimmen wie die Bassisten Ghiaurov und Ghiuselev und auch die amerikanische Sopranistin Nancy Tatum ihre Karrieren verdanken, in einer Art künstlerischer Klausur statt.

Warum ist gerade dieser Concours für Opernsänger unter den zahlreichen Wettbewerben so interessant, warum ist gerade ein Diplom aus Sofia fast eine Garantie für eine internationale Karriere? Die Antwort geben die erwähnten Namen und vor allem die Tatsache, daß bulgarische Stimmen jene elementare Kraft besitzen, nach der wir in Mitteleuropa so verzweifelt suchen. Sie bestimmen den Maßstab des gesamten Wettbewerbs.

Kandidat sein kann hier im Prinzip jeder, der sich berufen fühlt, Opernsänger zu werden oder zu sein, der nicht älter als 33 Jahre ist und ein gesundes Maß an Selbstvertrauen besitzt. Er braucht kein Empfehlungsschreiben und kein Diplom, er kann bereits an einem Opernhaus engagiert sein, kann aber auch ebensogut für sich allein Gesang studiert haben. Vorausgesetzt wird lediglich, daß er die simplen Bedingungen des bulgarischen Anmeldeformulars erfüllt und die Reisekosten nach Sofia trägt. Für seinen Aufenthalt dort wird von bulgarischer Seite gesorgt, allerdings nur solange er noch „im Rennen“ liegt.

Dieser neutrale, demokratische Stil des Anmeldeverfahrens führt bei den Prüfungen aus westlichen Ländern zu nicht immer rühmlichen künstlerischen Darbietungen. Insbesondere fielen alle Bewerber aus der Bundesrepublik schon nach der ersten Runde aus, während die Kandidaten aus östlichen Staaten doch immerhin durch die vorgeschaltete staatliche Kontrolle gesiebt waren: Diesseits des eisernen Vorhanges kann jeder singen, dem Gesang gegeben, drüben werden Talente staatlich gefördert und geschult, sie bringen dann auch für einen Wettbewerb die besseren fachlichen Voraussetzungen mit.