Von Willi Bongard

Am Abend des 14. Oktober 1966 drängten sich vor dem Eingangstor einer alten Exerzierhalle auf der Lexington Avenue zwischen der 25. und 26. Straße viele Hundert Menschen; es waren überwiegend junge Leute im Alter zwischen 20 und 35 Jahren, die das Eintrittsgeld von immerhin drei Dollar nicht gescheut hatten, um eines der interessantesten Experimente in der Geschichte der modernen Kunst mitzuerleben. Links und rechts des Eingangs hingen Plakate, die von dem bevorstehenden Ereignis kündeten: „9 Evenings – Theatre & Engineering.“

Theater und Technik? Die wenigsten dürften’ geahnt haben, was ihnen bevorstand, und noch weniger dürften sich der historischen Bedeutung dieses Ereignisses bewußt gewesen sein. In spätestens 25 Jahren wird es heißen, daß an jenem Abend eine neue Epoche der modernen Kunst begonnen habe. Ich könnte mir vorstellen, daß man dann den Versuch machen wird, die Geschehnisse dieses Abends zu rekonstruieren – geradeso wie es 1963 mit der legendären„Armory Show“ des Jahres 1913 geschehen ist, die das amerikanische Publikum zum erstenmal mit der – damals – modernen Kunst des Fauvismus, Kubismus und Futurismus konfrontierte. Es war dieselbe Exerzierhalle des 69. Regiments, die damals wie 1966 von der Revolution kündete, die sich in der bildenden Kunst angebahnt hatte.

„You will hear the body broadcast its sounds – you will see without light – you will see dancers float on air – it’s an and engineering and a little theatrics“ – so hieß es in den Prospekten, mit denen die „Neue Kunst“ angekündigt wurde.

Auf dem Programm standen insgesamt zehn verschiedene Stücke, die an neun aufeinanderfolgenden Abenden in wechselnden Kombinationen präsentiert wurden. Im Vorwort zu dem Programm wurde darauf hingewiesen, daß die technische Ausrüstung allein über 30 000 Dollar verschlungen habe. „As a result the artists will help open new doors for the engineers...“

Immerhin schien sich diese Investition, zu der unter anderem die Firmen „Westinghouse“ und „Schweber Electronics“ beigetragen hatten, schon vor der Aufführung bezahlt gemacht zu haben. Bei der Vorbereitung eines Programmbeitrags „two holes of Water – 3“ hatten die Ingenieure der Bell Laboratorien, in deren Händen die technische Durchführung lag, ein Material (wieder-) entdeckt, das sich für die weitere Infrarot-Laser-Forschung als überaus nützlich erweisen sollte.

An den Aufführungen waren nicht weniger als 24 Techniker beteiligt, die sich auf den Umgang mit Elektronen-Schwachstrom-Computer-Laser-und-was-weiß-ich-für-Technik verstanden, außerdem ein Verhaltensforscher des „Behavioral Research Laboratory“ von Bell, zwei „Neutöner“ (John Cage und David Tudor), drei „Neu-Tänzer“ und – last but not least – Bob Rauschenberg, auf dessen Anregung hin das Ganze zustande gekommen war. Kurzum, es war das sonderbarste Team, das sich jemals zusammengefunden hatte – im Dienst an der modernen Kunst.