• „Acht junge britische Bildhauer“ (Düsseldorf, Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen): Die Ausstellung wurde, angeregt vom Leiter der Berner Kunsthalle, Harald Szeemann, durch den „British Council“zusammengestellt. Auch diese Organisation, um die wir England so oft beneideten, ist nicht unfehlbar, das heißt: In dieser Auswahl fehlen wichtige englische Plastiker wie Gerald Laing, Peter Phillips, Tony Morgan (um einige nach 1935 Geborene zu nennen). In Bern, der ersten Etappe der Ausstellung (die vor Düsseldorf noch in Amsterdam zu sehen war), half man sich mit einem lustigen Trick, indem man Phillips wie Morgan als „junge englische Bildhauer in der Schweiz“ der Ausstellung beifügte. Daß Morgan fehlt, ist insofern bedauerlich, als er die experimentelle Position innerhalb der jungen britischen Plastik vertritt.

Diese englische Plastik tritt heute bereits als Schule und schulbildend auf, also vier Jahre nach Plastiken wie Phillip Kings „Genghis Kan“ (in Düsseldorf ausgestellt), zwei Jahre nach dem gemeinsamen Auftreten in der Londoner Whitechapel Gallery (April 1965) und auf der IV. Biennale Paris im Oktober 1965.

Schulbildend: Was bei den Engländern befreiend wirkte, etwa der Einbezug bestimmter, auch popiger Farben in die Plastik, die auf additiv zusammengefügten Grundformen baute, wird bei ihren Nachfolgern in Deutschland und anderswo nicht, was legitim wäre, als Ausgangspunkt benutzt, sondern durchdas Plagiat sterilisiert. Hat man einmal, wie William Tucker in den drei vierteiligen Plastiken, die Skulptur auf die einfache Zylinderform zurückgeführt, so ist das ein Vorgang von exemplarischem Wert. Die Arbeit dos Künstlers wird hier zu einer Art kritischer Untersuchung, durchgeführt an Hand einfacher Formmodelle. Solches Vorgehen ist aber nicht beliebig wiederholbar, ohne den kritischen Wert zu verlieren.

Die Ausstellung der Plastiken im 2. Stock der Kunsthalle überzeugt mich persönlich, ich finde es auch richtig, die drei oder vier Arbeiten jedes Künstlers – außer den erwähnten sind Annesley, Bolus, Hall, Scott, Witkin, Woodham dabei – geschlossen zu präsentieren. Dem Betrachter erhellt so das Grundkonzept jedes Künstlers.

„Adolf Erbslöh“ (München, Städtische Galerie): Wir streiten „als ‚Wilde‘, nicht Organisierte gegen eine alte organisierte Macht“. Marc, der dies 1912 im Almanach des „Blauen Reiter“ schreibt, zählt zu diesen Wilden neben der Dresdener „Brücke“, der Berliner „Neuen Sezession“ die „Neue Vereinigung“ in München. Diese, gegründet im Januar 1909, präsidiert von Kandinsky, hatte ihre erste Ausstellung im Dezember des gleichen Jahres in der Münchener Galerie Thannhauser. Adolf Erbslöh (1881–1947) gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Gruppe – die im Unterschied zu dem später folgenden „Blauen Reiter“ ein e. V. war – und stellte mit aus. „Entrüstung und das Gelächter der Menge, die Beschimpfungen der Presse“ waren das äußere Ergebnis (Otto Fischer). Kandinsky über die folgende Ausstellung im September 1910: „Der Galeriebesitzer beklagte sich, daß er nach jeder täglichen Schließung die Bilder abtrocknen müßte, weil das Publikum sie angespuckt hätte. Man muß sagen, daß dieses entsetzte Publikum gut erzogen war; es spuckte, aber es zerschnitt die Leinwände nicht.“

Ob Kandinsky seine Freude an dem Publikum hätte, das heute den Bildern Erbslöhs, die zuvor in Wuppertal und Stuttgart waren, in München begegnet, ab und an auch wiederbegegnet? Jedermann ist weit davon entfernt, zu spucken, zu lachen, sich zu entrüsten. Publikum und Bilder treffen artig aufeinander, die Bilder, denen jeder Provokations- oder Schockwert genommen ist, haben sich endlich als bildnerische Objekte zu behaupten. Und die Bilder behaupten sich vor allem dort, wo man den Austausch mit dem Freundeskreis der Jawlensky, Kandinsky, Münter ablesen kann. Hier korrespondiert ein Programm – und die Künstler der „Vereinigung“ betonen das Programm – mit der Bereitschaft eines Dreißigjährigen, das Programm zu adaptieren. Erbslöh zieht die Formen zusammen, konturiert sie stark, legt die Farbe in Parallelschraffuren, strebt eine Plastizität der dargestellten Motive an. Sie wird in Bildern aus den zwanziger Jahren, etwa dem in München ausgestellten „Positano“, 1923, pathetisch übersteigert. Später wechselt Erbslöh zwischen naturnahem Akademismus, veristischen Elementen und Anklängen an die Programm-Zeit. (In München bis 13. August.) Jürgen Claus