Nun hat Alfried Krupp von Bohlen und Halbach den letzten Atemzug getan und diese Erde verlassen, die von Jugend an all das vor ihm ausbreitete, was andere im Laufe ihres Lebens zu erjagen trachten: Reichtum, Macht, Unabhängigkeit. Aber ihm war Reichtum nur Verpflichtung, Macht etwas Beängstigendes. Und Unabhängigkeit? Jeder junge Arbeiter in seinem Betrieb hat sich wahrscheinlich unabhängiger gefühlt als der Chef des Hauses, dem das Erbe wie eine schwere Last auf den Schultern lag.

Der letzte Herr des Kruppschen Imperiums, der Repräsentant der fünften Generation, lebte nach dem Gesetz, nach dem er angetreten war: ganz und gar durchdrungen von der Notwendigkeit, die Tradition des Hauses fortzusetzen. "Es entspricht der Tradition des Hauses Krupp", so sagte er in seiner letzten öffentlichen Rede am 1. April 1967, bei der Jubilarfeier in der Villa Hügel, "erwerbswirtschaftliche Überlegungen – so wichtig sie auch sind – nie isoliert vom Gebot der Sozialverpflichtung des persönlichen Eigentums zu sehen."

Der Urgroßvater Alfred, der in der Zeit der beginnenden Industrialisierung und in den Gründerjahren regierte, damals, als die Unrast über die Deutschen kam und die große Binnenwanderung einsetzte, der Urgroßvater hat als erster in Deutschland Wohnsiedlungen für seine Belegschaft gebaut, Krankenhäuser gegründet, Volksschulen unterhalten und Pensionszahlungen für die Alten eingerichtet – lange, ehe die Altersrenten gesetzlich geregelt wurden. Er hat so den Söhnen der Landarbeiter, die aus Pommern und Ostpreußen in den Westen wanderten, dort eine neue Heimat geschaffen; denn wer bei Krupp Arbeiter war, der war stolz darauf.

Alfried, der am 13. August sechzig Jahre alt geworden wäre, wurde erzogen in jener strengen Vorstellungswelt einer ungebrochenen hierarchischen Gesellschaft, deren ungeschriebenes, aber allgegenwärtiges Gesetz lautete: Privilegien verpflichten. In dieser Welt galt Glück als bürgerliches Vorurteil. Nicht darum ging es, daß der einzelne persönlich glücklich wurde, sondern darum, daß er sich seiner Funktionen und Pflichten als institutionalisiertes Glied einer bestimmten Ordnung bewußt sei. Als Kind hatte er den Zusammenbruch des Kaiserreiches erlebt, dessen Glanz das Haus der Väter verklärt hatte. Er war 38 Jahre alt, als das Dritte Reich zusammenbrach und er, stellvertretend für den haftunfähigen Vater, in Nürnberg als Kriegsverbrecher vor Gericht gestellt wurde.

Theodor Heuss, der bei der Feier des 150jährigen Bestehens der Firma Krupp im November 1961 in Essen die Festrede hielt, apostrophierte jene Vorgänge als ein "schwer erträgliches Pharisäertum, das sich da eingenistet hat", und er erläuterte: "Die Vorstellung nämlich, als ob die Prokura und das Konstruktionsbüro bei Schneider-Creusot, bei Skoda, bei Vickers und Armstrong, bei der Betlehem Steel Corporation himmlischen Engeln anvertraut sei, während die entsprechenden Baulichkeiten bei Krupp eine Dependance der teuflischen Hölle seien."

Der Letzte der Dynastie Krupp war ein scheuer, einsamerMensch, ein Zauderer, ein Mensch, der rauhen Wirklichkeit des deutschen Wirtschaftskampfes nicht gewachsen. Unter der Großen im Revier und im Kreise der Wirtschaftsführer dieses Landes war er ein Fremdling. Abel in seiner Stadt, in Essen, und bei seiner Belegschaft wird Alfried – wie er dort allgemein hieß – unvergessen sein, als der letzte, noble Besitzer eines Imperiums, das als längst nicht mehr vertretbarer Anachronismus in unsere Zeit der anonymen Konzerne hineinragte.

Marion Gräfin Dönhoff