Von Peter Menke-Glückert

Die Bundespolitik hat ein neues Thema: Die Wissenschaft. Das neuauftretende Interesse ist Hochschulen und Wissenschaftlern nicht immer recht, zumal es sich nicht nur im Ruf nach mehr Geld, sondern auch in Kritik und Zweifeln am Leistungsstand unserer Forschungseinrichtungen und der wissenschaftlichen Ausbildung (Hochschulreform) äußert.

Im Januar 1965 gab Minister Lenz mit dem Bundesbericht Forschung I zum erstenmal einen genauen Überblick über die finanziellen und institutionellen Aspekte der Forschungsförderung. Ein internationaler Vergleich ergab, daß die Ausgaben in der Bundesrepublik Deutschland für Forschung und Entwicklung relativ geringer waren als die vergleichbarer Industrieländer, etwa Großbritanniens, Frankreichs, der Schweiz, Schwedens oder der Niederlande (gemessen an den jeweiligen Anteilen am Bruttosozialprodukt). Die Bundesregierung setzte sich daher das Ziel, bis 1970 den Anteil der Wissenschaftsausgaben von Staat und Wirtschaft am Bruttosozialprodukt auf drei Prozent zu steigern. Nur bei Verdoppelung der Wissenschaftsausgaben könne mit den Planungen anderer westeuropäischer Länder annähernd Schritt gehalten werden.

Dieses Ziel ist zu erreichen. Der von Forschungsminister Gerhard Stoltenberg soeben vorgelegte zweite Forschungsbericht der Bundesregierung führt als Beweis die inzwischen eingetretene Ausgabenentwicklung und die Entscheidungen in der mehrjährigen Finanzplanung an. 1964 erreichten die Forschungsausgaben einen Anteil am Bruttosozialprodukt von 2,1 Prozent, 1966 waren es 2,4 Prozent. Die Wissenschaftsausgaben kletterten 1966 auf 11,4 Milliarden DM. Im Bundeshaushalt 1967 sind für den Aufgabenbereich Wissenschaft einschließlich der Mittel aus dem Eventualhaushalt knapp 3,3 Milliarden DM vorgesehen (21 Prozent mehr als im Vorjahr). Erreichen die Länder und die Wirtschaft ähnliche Zuwachsraten, so ergäben sich für 1967 bereits Mittel in Höhe von insgesamt über 13 Milliarden DM. Die am 6. Juni beschlossene Finanzplanung der Bundesregierung bis 1971 sieht eine jährliche Wachstumsrate von 16 Prozent für den Einzelplan des Forschungsministeriums vor – also weit mehr als dem Durchschnitt der vorgesehenen geringen Ausgabensteigerung im Bundeshaushalt entspricht.

Durch die großen Anstrengungen des Bundes, der Länder und der Wirtschaft – besonders in den letzten sechs Jahren – konnte der gewaltige apparative und personelle Nachholbedarf, der durch die Politik des Nationalsozialismus, die Kriegsfolgen und in einigen Disziplinen durch Forschungsverbote entstanden war, weitgehend befriedigt werden. Die Stellen für Personal an den wissenschaftlichen Hochschulen wurden zwischen 1960 und 1966 etwa verdoppelt, für Investitionen wurden im gleichen Zeitraum 5,88 Milliarden ausgegeben, für fortdauernde Ausgaben 10 Milliarden. Die Wirtschaft brachte 1966 für Forschung und Entwicklung 4,5 Milliarden auf.

Der Investitionsbedarf der wissenschaftlichen Hochschulen 1966–1971 beläuft sich auf 20 Milliarden Mark, davon sind 5,1 Milliarden für Neugründungen vorgesehen.

Wie in anderen Bereichen ihrer Politik tritt die Bundesrepublik jetzt auch in der Forschungspolitik in eine neue Phase ein. Es gilt nicht nur, Schäden und Fehler der Vergangenheit wettzumachen oder alte und neue Rückstände aufzuholen, sondern stärker als bisher geschehen missen Zukunftsaufgaben angepackt werden. Solche Zukunftsaufgaben, wie sie sich etwa auf den Gebieten der Welternährung, internationaler. Konfliktregelung, Energieversorgung, Raumordnung, Meeresforschung, Umwelthygiene oder des Massentransports und Schnellverkehrs stellen, verlangen sorgfältig geplante Förderungsprogramme, die mit der mehrjährigen Finanzplanung abgestimmt sind. Sie lassen sich nur in einer neuen Art von enger Partnerschaft von Bund, Ländern, Wirtschaft und Wissenschaft lösen und verlangen darüber hinaus in der Regel internationale Zusammenarbeit.