Von Joachim Schwelien

Als die vom Rassenaufruhr in Newark und in Detroit entfachten Flammen den Nachthimmel röteten, befand sich Stokely Carmichael auf einer Reise nach London, Prag und Havanna. Der Widerschein der Brände bedeutete ihm das Fanal seiner Hoffnungen. Er forderte die Neger in Detroit und in Newark auf, nun gegen die Weißen zum Partisanenkrieg – à la Vietnam – überzugehen.

Der britische Innenminister untersagte Carmichael (gesprochen: Karmeikel) die Wiedereinreise nach England, das amerikanische Außenministerium kündigte ihm den Entzug des Reisepasses an, weil er ohne Genehmigung nach Kuba gefahren war. Fidel Castro feierte ihn als bedeutendsten farbigen Führer Amerikas. Dem jungen Revolutionär droht die Gefahr, in den USA als Kommunist abgestempelt und der beobachtenden Obhut des FBI, der Bundes-Kriminalbehörde, anvertraut zu werden.

Seit den schweren Krawallen, Plünderungen und Brandstiftungen der vergangenen Wochen neigt die weiße Mittelschicht Amerikas ohnehin mehr denn je dazu, die Unruhe allein den kriminellen Elementen in der farbigen Slumbevölkerung zuzuschreiben. Verbrechertum und Kommunismus werden in Amerika noch immer allzu schnell miteinander identifiziert. Ließe sich Stokely Carmichael als „verbrecherischer Kommunist“ abstempeln, könnte bald gegen ihn und seinen Anhang in den radikalisierten Negerschichten mit polizeilichen Mitteln vorgegangen werden. Manche Weiße wünschen das ohnehin, nämlich jene, die in den Augen Carmichaels als „Suprematisten“ die amerikanischen Neger brutal unterdrücken möchten.

Doch die tiefen Spannungen zwischen Schwarz und Weiß in den USA sind ein zu ernstes Problem, als daß sie sich mit Polizeimethoden aus der Welt schaffen ließen. Der bedeutende Soziologe Daniel P. Moynihan, der lange in den Regierungen Kennedys und Johnsons an der Überwindung des Rassenkonflikts mitarbeitete, macht in diesen Tagen noch einmal einen Senatsausschuß eindringlich auf die wirklichen Wurzeln des Problems aufmerksam: Der in die Slums abgedrängte Farbige bildet die unterste soziale und desorganisierte Schicht der Städte; das Rassenproblem ist in Wahrheit ein Klassenproblem, und nur wenn die wirtschaftliche und gesellschaftliche Misere der Negerbevölkerung beseitigt wird, können auch die Gegensätze zwischen den Rassen beseitigt werden.

Stokely Carmichael ist kein Krimineller, und er ist kein – oder noch kein – Kommunist. Er glaubt an die „Schwarze Macht“, ein Schlagwort, das er nicht erfunden hat und nicht als erster gebrauchte, aber bei einem Freiheitsmarsch im Süden zum Evangelium der bedrängten und bedrückten Negerjugend machte. Das Wort von der „Schwarzen Macht“ ist entstanden aus dem Unglauben an die Versprechen der Weißen, aus dem Fehlschlag der Hoffnung auf ein gesellschaftliches Zusammenwachsen der Rassen und aus der Fruchtlosigkeit der gewaltlosen Feldzüge für die Gleichberechtigung. Carmichaels Haltung ist mehr Protest als Negation, und daher ist das Feuer seiner aufrührerischen Reden schnell auf die jugendlichen Farbigen übergesprungen.

Seine Lehre ist nicht ganz so unartikuliert, wie sie bei der flüchtigen Lektüre seiner aufpeitschenden Ansprachen scheint. Sie ist es schon deswegen nicht, weil der in Port-au-Spain auf Trinidad geborene und jetzt 26 Jahre alte Held der radikalisierten Farbigen nicht nur den trostlosen Alltag von Harlem kennt. Er erlebte auch eine relativ wohlbehütete Existenz in der weißen Umgebung des New Yorker Stadtteils Bronx, wo er erstklassige Schulen besuchte. Der Junge mit wachem und scharfem Verstand studierte an der Howard-Universität in Washington zwei Jahre Philosophie; er kennt die Gesetze der Logik. Er ist kein wüster Agitator aus dem Lumpenproletariat, er will als farbiger Purist eine Mischung zwischen Robespierre und Danton in der Negerbewegung sein und sie revolutionieren.