Die zweite Sperrung des Suezkanals innerhalb der vergangenen elf Jahre führte zu einem Boom in der internationalen Schiffahrt. Die Nachfrage nach freier Tonnage, die den Zeitverlust durch Umwege von 3000 bis 6800 Seemeilen überbrücken soll, stieg schlagartig.

Reeder und Auftraggeber rechnen diesmal mit einer Blockierung des Suezkanals mindestens bis Ende des Jahres. Vierzehn Schiffe sind im Kanal auf Grund gelaufen oder versunken.

Der Suezkanal wurde monatlich von etwa 1700 Schiffen mit einer Gesamtladung von 20 Millionen Tonnen durchfahren. Siebzig Prozent dieser Schiffe waren Tanker. Vor dem Krieg kostete eine Tonne Tankraum vom Persischen Golf nach Nordeuropa 8,30 Mark plus 3,60 Mark Kanalgebühren. Am 12. Juni stand die Charter bei 58 Mark und seit vierzehn Tagen hält sich der Preis um 72 Mark.

Die Ölversorgung des Westens ist dennoch gesichert. Die freie Welttonnage reicht aus, die Verzögerung durch den Umweg um das Kap der Guten Hoffnung zu kompensieren. Die Ölfirmen haben im letzten Monat fast 300 Tanker gechartert. Anfang Juli betrug die Tankerreserve noch immer 31 Schiffe mit rund 300 000 Bruttoregistertonnen.

Bei manchen Reedern gab es Millionengewinne: Überschußkapazitäten hatten vor dem Krieg die Charterpreise auf ein Minimum gedrückt, zahlreiche Schiffe waren stillgelegt und andere fahren nur, um wenigstens die laufenden Kosten zu decken.

Zu den Verlierern zählen die Linienreedereien zum Persischen Golf, nach Ostafrika, Ostasien, Australien, Indonesien und Indien. Und natürlich Ägypten selbst: An Kanalgebühren floß jährlich rund eine Milliarde Mark in Nassers Taschen.

Das Vertrauen der Schiffahrt in den Kanal als einer internationalen Wasserstraße ist erschüttert. Der Präsident der britischen Schiffahrtskammer warnte Nasser: Die internationale Schiffahrt könnte eines Tages auf den Suezkanal verzichten und ihn als Nassers Graben versanden lassen.

Was die Tanker betrifft, ist diese Idee gar nicht so absurd. Durch den Kanal können nur Tanker mit höchstens 70 000 Tonnen fahren. Tanker ab 100 000 Tonnen fahren heute schon wegen der hohen Kanalgebühren billiger um das Kap der Guten Hoffnung als über Suez. In dieser Größenordnung gibt es heute bereits vierzig Schiffe, und weitere neunzig sind aufgelegt oder bestellt. rod.