Wie ein Präriefeuer griffen die Negerrevolten dieses Sommers von den Brandherden Newark und Detroit auf das ganze Gebiet der Vereinigten Staaten über. Zwischen New York und San Franzisko, zwischen Chikago und Tampa wurden mehr als 20 Städte von Brandstiftungen, Plünderungen und blutigen Zusammenstößen heimgesucht (siehe Karte). In mehr als zwanzig Städten kam es zu kleineren Zwischenfällen. Selbst Washington, das zu 63 Prozent von Negern bewohnt wird, erlebte die ersten Unruhen.

Den traurigen Jahresrekord hält bislang die Automobilstadt Detroit – mit 41 Toten, 2250 Verletzten, 4000 Arrestanten und einem Sachschaden von mehr als einer Milliarde Mark. Die Stadt wurde zum Katastrophengebiet erklärt.

Anfang dieser Woche verlagerte sich der Schwerpunkt der Unruhen nach Milwaukee (Wisconsin) Banden meist jugendlicher Farbiger warfen Schaufenster ein und randalierten in den Straßen des Negerviertels. Noch während sich die Polizei mühte, die Ordnung wiederherzustellen, wurde sie von Heckenschützen unter Feuer genommen.

Binnen kurzer Zeit dehnte sich der Aufruhr auch auf andere Stadtteile aus. Bürgermeister Meier verhängte den Ausnahmezustand. 1600 Nationalgardisten wurden in die Stadt beordert. Bis Mitte dieser Woche zählte man drei Tote, 83 Verletzte und 261 Verhaftete.

Präsident Johnson berief eine elfköpfige überparteiliche Kommission zur Untersuchung des Rassenkonflikts. Ihr gehören auch zwei Farbige an. Die Kommission unter Vorsitz des demokratischen Gouverneurs von Illinois, Otto Kerner, soll herausfinden, „was geschah, warum es geschah und wie verhindert werden kann, daß es wieder und wieder geschieht“. Das Gremium wird sich auch mit einem Bericht der „Detroit News“ befassen müssen, nach dem Nationalgardisten während der Unruhen grundlos zwei Negerjungen erschossen haben sollen. Der erste Zwischenbericht der Kommission soll im März, der Schlußbericht sogar erst Anfang August nächsten Jahres vorliegen.

Ebenso langsam mahlen die Mühlen des Kongresses. Zwar haben Senat und Repräsentantenhaus bereits mit „Hearings“ über die Rassenunruhen begonnen. Noch aber ist nicht sicher, ob der Kongreß die acht Milliarden Mark bewilligen wird, die Johnson für seinen „Krieg gegen die Armut“ braucht. Ein Bürgerrechtsgesetz zum Wohnungsbau scheiterte bereits im vorigen Jahr. Für ein Gesetz zum Bau von Modellstädten wurde nur ein Drittel der beantragten Mittel bewilligt. Selbst ein Gesetz zur Bekämpfung der Rattenplage in den Negerslums fiel durch; Mietzuschüsse für Negerfamilien wurden abgelehnt.

Während mithin die Hoffnung schwindet, daß Washington rasch Mittel und Wege findet, die Unruhe unter den Negern an der Wurzel zu bekämpfen, drohen die Negerunruhen zum Thema des amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfes zu werden.

Ronald Reagan, Gouverneur von Kalifornien und einer der möglichen republikanischen Kandidaten für das Weiße Haus, verfolgt einen harten Kurs. Er nannte die schwarzen Rebellen von Detroit „verrückte Hunde“. Gouverneur George Romney aus Michigan, ebenfalls präsumtiver Präsidentschaftskandidat der Republikaner, beschuldigte Johnson, er habe aus parteitaktischen Gründen die Entsendung von Bundestruppen nach Detroit verzögert. Darauf der Präsident vor der Presse: Die Rassenfrage sei „zu wichtig, als daß sie Gegenstand der Politik werden sollte. Sie berührt Sicherheit und Gesundheit unserer Bürger – Republikaner und Demokraten“.