Von Peter Hemmerich

Die Politisierung der Studentenschaft mit den Augen eines Juristen gesehen, und nicht irgendeines, sondern des bedeutendsten deutschen Staatsrechtlers unserer Tage: so hätte man sich Theodor Eschenburgs Stellungnahme (ZEIT Nr. 28) gewünscht. Der Politologe Eschenburg gilt als personifiziertes Gewissen der jungen deutschen Demokratie. Seinen Argumenten sich zu entziehen, ist gemeinhin selbst für Fachleute schwierig, um wieviel mehr erst für Laien.

Sehr viel leichter schon widerspricht man dem Tübinger Rektor und dem Studentenvater Eschenburg – zumal diese letztere Position mir an einem Mißverständnis zu liegen scheint: Die studentische Akklamation galt wohl noch stets dem Politologen und Quasi-Staatsmann, dem Theoretiker, während Eschenburg als praktizierender Universitätsvater eine weniger glückliche Hand hatte. Dennoch ist auch die reine Emotion eines Mannes von diesem Format noch der Akklamation wert, auch für den Andersdenkenden.

Wo jedoch die Vater-Emotion und das juristische Argument sich unlösbar durchdringen, da entwertet das eine das andere. Eschenburgs Studentenkritik setzt an mit einer Emotion: Sie richtet sich gegen den Notstandsbrief des Berliner AStA an die Stadtkommandanten. Dieser Brief ist ein politischer Affront, in dessen Mißbilligung man sich leicht einig ist, und er ist gerade deshalb ein solcher Affront, weil die Adresse „Stadtkommandanturen“ juristisch in Ordnung ist. Daher bleibt dem Juristen nichts übrig, als die Berechtigung der Studenten zum Schreiben von politischen Briefen schlechthin zu untersuchen.

Um diese freilich steht es schlecht – aber niemand hat sich daran gestört, solange die unrechten Briefe an die rechten Adressen gingen. Eschenburg vermutet mit Recht, nun sei es vielleicht zu spät.

Das „politische Mandat“ der Studentenschaft besteht außerhalb der Hochschule nicht – von Rechts wegen. Da ist kein Zweifel. Die Frage ist jedoch – und sie wird von Eschenburg tunlichst vermieden – ob es nicht bestehen sollte: Eschenburg bemängelt, daß das politische Mandat sich dank der Duldsamkeit von Rektoren und Ministern zu einem Gewohnheitsrecht entwickeln konnte. Ist es wirklich nur Duldsamkeit gewesen oder nicht doch auch ein Stück demokratisches Gewissen?

Die obrigkeitliche Duldsamkeit leite sich davon her, so meint Eschenburg, daß „die Studenten in Deutschland nach allen großen Kriegen die Schoßkinder der Nation gewesen sind“. Diese Aussage ist repräsentativ für die ältere Generation und nach bestem Empfinden geurteilt, vielleicht sogar nach bestem Wissen. Wer aber diese Zeit als ein solches „Schoßkind der Nation“ miterlebt hat, dem sträuben sich die Haare beim Lesen.