Berlin, im August

Sie drängten ihn in einen Hof ab, umringten ihn, traten ihn nieder. Als sie zum Messer griffen, zog der Kripo-Beamte seine Dienstwaffe. Die Anti-Schah-Demonstranten von Berlin beschworen herauf, was sie jetzt vor ihrem Gewissen zu verantworten haben: Die Kugel aus dem Polizeirevolver traf den Studenten Benno Ohnesorg."

So begann die Welt am Sonntag ihren Bericht über die Ereignisse vom 2. Juni vor der Westberliner Oper. Das Blatt konnte sich in seiner Darstellung auf offizielle Erklärungen von Polizei und Senat berufen. Berlins leitender Kriminaldirektor Sangmeister schilderte den Vorgang ähnlich vor der Fernsehkamera. Der Fall schien geklärt, ehe noch die ersten Ermittlungen begonnen hatten. Daß der Kriminalbeamte Kurras erst nach seinen angeblich im Liegen abgegebenen Warnschüssen aus einer lebensbedrohenden Lage befreit werden konnte, daß Ohnesorg als Unbeteiligter zufällig getroffen wurde, daß kein Beamter den niedergeschossenen Studenten bemerkt habe – das alles wurde damals als unumstößliche Tatsache verkauft.

Zwei Monate später nun steht fest, daß kaum etwas an diesen Darstellungen stimmte. Mehr noch: Der Verdacht erhärtet sich, daß die Öffentlichkeit mit falschen Angaben wissentlich irregeführt wurde, um das Untersuchungsergebnis zu präjudizieren. Doch die Staatsanwaltschaft hat sich – entgegen nicht ganz unberechtigten Befürchtungen – davon nicht beeindrucken lassen. Generalstaatsanwalt Dr. Dehnicke hat die Anklageschrift gegen den Schützen, Kriminalobermeister Karl-Heinz Kurras, fertiggestellt. Er kommt zu dem Schluß, daß Kurras nicht in Notwehr schoß. Er stützt sich dabei vor allem auf die Aussagen von Polizeibeamten. Kurras wird angeklagt, "durch Fahrlässigkeit den Tod des Studenten Benno Ohnesorg verursacht zu haben".

Und das geschah, nach den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft, am Abend des 2. Juni in der Krummestraße gegen 20.30 Uhr: Ein Teil der von der Oper mit Gummiknüppeln und Wasserwerfern abgedrängten Demonstranten sammelte sich vor dem Grundstück Nr. 66/67, einem Etagenhaus auf Betonpfeilern. Den Demonstranten gegenüber stand eine Polizeikette. Unter ihnen Beamte in Zivil, die in Blitzaktionen vermeintliche Rädelsführer aus der Menge herausgriffen und mit Hilfe ihrer uniformierten Kollegen festnahmen.Bei einer dieser Aktionen des "Greiftrupps" floh ein Demonstrant in den Säulenhof des Hauses. Ein Beamter in Zivil folgte dem Flüchtenden, Kurras lief zur Unterstützung des Kollegen hinterher, andere Polizisten schlossen sich an. Der "Rädelsführer" wurde gestellt, zu Boden geworfen und festgehalten. Es kam zu einem Handgemenge, bei dem mehrere Personen zu Boden fielen. Die Anklageschrift stellt fest: "Einige Demonstranten drängten vor. Sie hatten teilweise das Bestreben, dem Zeugen Roßhoff (dem Festgenommenen) zu helfen." Polizisten sagten aus, sie hätten dabei Rufe gehört wie "Los, wir müssen ihm helfen" – "Ein Bulle allein" – "Schlagt ihn tot".

Unter jenen, die auf die Beamten eindrangen, befand sich auch Benno Ohnesorg. Ein Kriminalbeamter versuchte ihn festzunehmen. Doch Ohnesorg befreite sich mit Faustschlägen und Fußtritten. Er floh durch den Säulenhof. Uniformierte Beamte stellten ihn und schlugen mit Gummiknüppeln auf ihn ein.

Unterdessen waren weitere Schutzpolizisten auf das Grundstück geeilt. Die Demonstranten flohen. "In kurzer Zeit war die von der Polizei als Störung angesehene Menschenansammlung aufgelöst und beseitigt", stellte die Staatsanwaltschaft fest.