FÜR den Fall, daß man das harmonische Zusammenwirken zweier spitzer Federn nicht als doppelte Negation mißbilligt, sondern als potenzierten Geist genießt –

G. C. Lichtenberg: „Die Heirat nach der Mode – Ausführliche Erklärung der Hogarthischen Kupferstiche“; Insel-Bücherei 893, Insel Verlag, Frankfurt; 112 S., 6 Abb., 4,50 DM.

ES ENTHÄLT (auf doppeltem Buchseitenformat) die sechs Blätter des Hogarthschen Kupferstichzyklus „Marriage à la Mode“ (1745) samt den in der Tat ausführlichen Erklärungen Lichtenbergs, die man eher eine Prosaversion Hogarths als einen Kommentar zu ihm nennen möchte.

ES GEFÄLLT als ein rarer Beleg für den kleinen Grenzverkehr zwischen Kunst und Literatur. Daß Lichtenberg sich gerade dem Werke Hogarths so ausführlich widmete, ist natürlich kein Zufall: Hier hatte er einen Bruder im kritisch aufklärerischen Geist gefunden, hier begegnete der erste Aphoristiker der deutschen Sprache dem Vorläufer der Rowlandson, Gillray und Searle. Gewiß war Hogarth kein Karikaturist im üblichen Sinne, aber die gnadenlose Detailfreudigkeit, mit der er die schaurige Ballade von der Liaison zwischen heruntergekommenem Adel und heraufgekommenem Geld beschreibt, verrät, daß er sich nicht nur als Maler, sondern mindestens ebenso intensiv als Gesellschaftskritiker engagierte. Lichtenberg hätte diese von entlarvenden Aperçus randvollen Bilder wohl mühelos in eine entsprechende Anzahl ähnlich fein gestochener Aphorismen übertragen können. Er, sonst wahrlich nicht gewohnt, sein Licht unter den Scheffel zu stellen, tat es nicht, sondern war nur bestrebt, mit seinem Begleittext jede Hogarthsche Nuance aufzufangen. Womit er nicht nur ein Kapitel über Hogarth, sondern auch eines über Lichtenberg geschrieben hat. Petra Kipphoff